Das Zauberwort heißt „Zwetschgenquarkknödel“
Es ist schön da, wo es schrecklich ist. Die Sonne geht unter überm Gottesgarten. Den gibt es wirklich. In Franken, Bad Staffelstein ist um die Ecke. Das Kloster Banz auch. Aber die Kulisse ist kein Trost für die drei Jungs, die da oben vom Fels aufs fränkische Auenland schauen und Freunde fürs Leben sind.
Am Ende vom neuen Franken-„Tatort“ werden zwei von ihnen tot sein. Und die Geschichte davon, was ihnen angetan wurde, ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung im Sonntagabendkrimi.
Emmy Rathgeber tritt in „Gottesgarten“ ihren Dienst an. Rosalie Thomass ist Emmy Rathgeber. Die Kriminalhauptkommissarin ist Nachfolgerin von Dagmar Manzels cooler, grantelnder, lebensweiser Paula Ringelhahn an der Seite des vielleicht tiefsinnigsten und gleichzeitig ungelenksten „Tatort“-Kommissars: Felix Voss, gespielt von Fabian Hinrichs.
Nun soll ja jedem Anfang, damit werfen wir jetzt ein paar Cent in die Hermann-Hesse-Binsenkiste, ein Zauber innewohnen. Die Hesse-Binse aus dem Gedicht „Stufen“, mit dem unser Vater uns wie mit Rilkes „Herbsttag“ heimgesucht hat, geht aber weiter. Mit einem Satz, den dann schon keiner mehr kennt. Ein Zauber, „der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“.
Darum geht es in „Gottesgarten“ auf gewisse Weise auch. Um etwas, das uns am Leben hält, oder umbringt, wenn es uns genommen wird. Und um Väter aus der Hölle, um Verschweigen und Verdrängen. Rache ist ebenso Thema wie Gerechtigkeit, die das Gesetz nicht herstellen kann. Ganz schön viel für einen Krimi. Aber selten hat sich zu viel so leicht angefühlt.
Ein Drag-Sänger ist tot, die Kehle wurde ihm durchtrennt. Stella hat er sich genannt. Er war sehr schön. Vom Schatten einer Königin hat er gerade noch gesungen. Nun liegt er in einem Etablissement, das Eden Appartements heißt. Er war einer der drei Jungs auf dem Felsen, für die nie vorbei sein wird, was ihnen einer angetan hat, als sie noch drei Jungs in der Dorfdisse waren – und Erwachsenwerden eben noch einen Zauber hatte.
Das mit dem zauberhaften Anfang ist im „Tatort“ so eine Sache. Personalwechsel können da schon mal zu merkwürdigen klimatischen Veränderungen führen. Der Neubeginn im Kieler Dezernat zum Beispiel hat das gerade gezeigt. Besonders magisch war daran eigentlich nichts. Nach dem Abschied von Axel Milbergs Kommissar Klaus Borowski und der Amtsübernahme durch Almila Bagriaciks Kommissarin Mila Sahin und Karoline Schuchs Kriminalpsychologin Elli Krieger ist der Tatort härter geworden, weiblicher, metropolitaner, realistischer vielleicht, weniger versponnen, verwechselbarer allerdings auch.
Die Franken gehen in eine ganz andere Richtung. „Gottesgarten“ wird noch stärker in der Region verwurzelt, als es ohnehin in diesem Tatort üblich ist. Ein warmes Herz schlägt alles. Die Tonlage ist melancholisch. Rathgeber und Voss tasten sich ab, beobachten sich, stecken sehr sanft ihre Claims ab, verstricken sich in philosophische, schwerelos daher wehende Dialoge übers Vater- und übers Kindsein, über Erwartungen, die man hat und die einen erdrücken. Über Gesetz und Gerechtigkeit.
Es dauert keine halbe Stunde, da fragt sich schon der breitfränkelnde Spurensicherer Schatz, welchen Zauber die neue Kollegin angewandt hat, weil der Felix nicht mehr so steif aus der Wäsche schauen würde, nicht mehr so buddenbrookmäßig.
Keine großen Versprechen
Das Zauberwort heißt vielleicht Zwetschgenquarkknödel. Es brennt sich einem ein während der Dialoge im Drehbuch von Constantin Lieb, das mustergültig ist. Emmy Rathgeber (für sprechende Nachnamen hat man ein Faible in Franken) ist kaum im Dezernat angekommen, hat ihren neuen Kollegen mit Kopfschmerztabletten besänftigt, die er am Tag nach seiner Geburtstagsfeier dringend benötigt. Da passiert etwas, das in anderen hochneurotischen Kommissariaten zu hochnotpeinlichen Explosionen führen würde.
Dafür fordert Rathgeber ein Versprechen von ihm. Sie müsse die Aufgabenverteilung das nächste Mal übernehmen. „Große Versprechen liegen mir einfach nicht“, antwortet der kopfschmerzgeplagte Voss: „Aber ich kann Ihnen mein Wort geben, wenn Ihnen das wichtig ist.“ Welches Wort das denn sei, fragt Rathgeber. Voss grübelt kurz, um dann zu sagen: „Zwetschgenquarkknödel“. Emmy nimmt es hin: „Dann behalte ich von Ihnen das Wort Zwetschgenquarkknödel, dafür dürfen Sie es ab jetzt nicht mehr sagen.“ – „Auf keinen Fall“, erwidert Voss.
Um die Mordfälle geht es natürlich auch noch: „Es ist nicht vorbei“, steht auf der Rückseite eines Fotos, das Marcel und Toni und Elias, der später zu Drag-Sänger Stella wurde, ausgelassen auf dem Staffelberg zeigt. Regisseur Dustin Loose lässt die Geschichte geschmeidig zwischen Zeit- und Plotebenen hüpfen. Sie ist hart und zart zugleich, voller Verzweiflung und Zärtlichkeit.
Währenddessen begegnet man der fürsorglichen Prostituierten, die Stella fand und ihr postmortem eine Sonnenbrille aufsetzte, weil es so hell ist im Himmel, in den Stella jetzt sicher gekommen sei. Man hört beim Staffelsteiner Stammtisch, was das Volk, das von allem wusste, aber nichts tat, so denkt.
Wie sich das Wort, das er ihr gab, so anfühlt, fragt Voss zwischendurch seine Kollegin. „Ziemlich wohl“, sagt Emmy. Wir fühlen uns auch seltsam wohl im „Gottesgarten“, erschüttert, aber wohl.