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Das Ruhrgebiet – ein Panoptikum des Verlusts

· Culture

Eine nomadische Biennale. Das klingt gut und zeitgemäß. Die Manifesta verfolgt das Anliegen, aktuelle Kunst hauptsächlich bezogen auf den jeweiligen Standort und seine individuellen Gegebenheiten zu präsentieren. Die mittlerweile 16. Ausgabe bereichert in diesem Jahr das Kulturleben im Ruhrgebiet; zuvor wurde sie schon in Barcelona, Palermo und Pristina ausgerichtet. Zur Präsentation gehört es auch, Anregungen unterschiedlichster, oft sehr unerwarteter, oft poetischer Art in das Alltagsleben der Einwohner der jeweiligen Stadt oder Region zu transferieren, sie am liebsten zu integrieren.

Diesmal gastiert die Manifesta in einer Versuchsanordnung unter dem Titel „This Is Not a Church“ in Deutschlands einstiger Vormachtposition der Montanindustrie. Bergbau und Stahlindustrie hatten im „Kohlenpott“ weltweit größten Einfluss, Arbeitskräfte waren zu Beginn rar. Man heuerte „Gastarbeiter“ in Polen, in der Türkei, in Griechenland und in Italien an. Viele kamen, ihre Familien zogen nach.

Das Ruhrgebiet hat eine lange Tradition der Einwanderung. Und schließlich viel Erfahrung in der Begegnung mit Folgen eines einschneidenden Strukturwandels – naturgemäß aber nicht immer in deren Bewältigung. Nach der Kohlekrise und der Stahlkrise, dem Niedergang des Steinkohlenbergbaus und der Stahlproduktion in West- und Mitteleuropa in den 1960er-Jahren, mitsamt der folgenden Rezession, kam es zu einem enormen Anstieg von Arbeitslosigkeit und Armut in der nicht nur migrantischen Bevölkerung. Die Malocher, die Bergleute, die Industriearbeiter hatten ausgedient. Dazu gehörten auch Menschen und Familien mit Einwanderungshintergrund (mit und ohne Einbürgerung beziehungsweise deutschem Pass).

Die Kirchen sind obsolet geworden

Eine herkulische Herausforderung für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Als wirksame Maßnahme zum Strukturwandel galt die Hinwendung zu Kultur als maßgeblichem Standortfaktor für Unternehmen und Fachkräfte. Da wurde vieles richtig gemacht, die Integrationsbestrebungen waren häufig von Erfolg gekrönt, die auch internationale Sichtbarkeit des einstigen Kohlenpotts in den künstlerischen und kulturellen Genres geschaffen hatte. Die Probleme aber sind mangels finanzieller Ressourcen geblieben.

Nun also die Manifesta im Ruhrgebiet: Sie widmet sich beispielhaft zwölf aufgegebenen Kirchenbauten, überwiegend erstaunlichen Architekturleistungen der Nachkriegszeit. Es handelt sich um Gebäude, die in ihrer Bedeutung als Versammlungsort religiöser Gemeindemitglieder längst obsolet geworden sind. Die religiösen Rituale, aber auch das traditionelle, einst so selbstverständliche nachbarschaftliche Zusammenwirken der Kirche haben ausgedient. Von Zentren christlicher Kultur ist nicht mehr die Rede. Das liegt durchaus nicht nur daran, dass grob dreißig Prozent der insgesamt 5,1 Millionen umfassenden Bevölkerung der Metropolregion Menschen mit nicht-christlichem Migrationshintergrund sind.

Adaptive Umnutzung der Gotteshäuser ist also angesagt. Und sie wird Schritt für Schritt vollzogen. Der Transformationsprozess wird den Sommer über von der Manifesta begleitet und kommentiert. Mehr als hundert Künstler sind beteiligt und formulieren in recht unterschiedlichen Beispielen, wie sie sich den kulturellen Austausch jenseits christlicher Dimensionen – und überhaupt – vorstellen.

Kirchen waren jahrhundertelang ein Hort der Kunst, der Malerei, der Skulptur. Nur die Besten der Besten bekamen kirchliche Aufträge, kamen zu Ruhm und Ehre. Bis in unsere Zeit. Glaube ist Kultur, Christentum ist Tradition. Die Kirchen als künstlerische Transformationsmaschinen zu begreifen – neu ist das nicht. Es hat aber in der Vergangenheit gut funktioniert. Noch weniger neu ist der Niedergang der Bedeutung religiöser Rituale an geweihten Orten.

Den Auftakt, quasi das Signal für das Umwidmungsprogramm, gibt die Liebfrauenkirche im Stadtzentrum von Duisburg, die inzwischen Kulturkirche genannt wird. Der majestätisch brutalistische Bau aus den 1950er-Jahren ist teilsäkularisiert. Im Zentrum der mächtigen, nunmehr weltlichen Oberkirche hat der britisch-iranische Künstler Abbas Zahed eine Art Orgel installiert, das eigentliche Instrument funktioniert nicht mehr.

Aus ausrangierten Orgelpfeifen diverser europäischer Kirchen, arrangiert wie aufragend gebündelte Raketenwerfer, dringt ein klagender Gesang des Untergangs. In einem Video namens „Here We Are“ greift die Turner-Preisträgerin Elizabeth Price mit Archivaufnahmen von Kirchen der Nachkriegszeit Trauma, Verlust und Heimatlosigkeit der Menschen aus der Arbeiterklasse jener Jahre auf; ein magnetisierender Sound begleitet den Reigen der Hoffnungslosigkeit.

Die St.-Marien-Kirche im Essener Stadtteil Karnap von 1963 – wie die meisten der kleineren Kirchen, eingebettet in ein Quartier, das anfangs noch religiöses, nachbarschaftliches Zentrum gewesen sein mag – hat heute keine Zukunft mehr. Die düstere Backsteinkirche mit dem hohen Malakowturm, dem typischen Förderturm der Zechen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, steht seit einigen Jahren leer und wird demnächst abgerissen.

Den künstlerischen Abgesang stimmen Jaroslaw Koslowski, Katharina Fritsch und das Künstlerkollektiv Superflex an. Ein Wandel ins Nichts. Dieser Stadtteil kämpft ums tägliche Dasein und ein Minimum an Würde. Intellektuell zu lesende Kunstwerke sind hier etwas für die kunstbeflissenen Besucher aus anderen Regionen.

Für die evangelische Thomaskirche in Gelsenkirchen ist der Wandel bereits vollzogen. Ein Architekturbüro hat das zwischen Kindergarten und sehr schlichten Wohnhäusern versteckte Kleinod erworben. Die in den 1960er-Jahren entworfene hypermoderne, der künstlerischen Zero-Bewegung nahestehende helle, minimalistische Raumgestaltung, eine im Halbrund angeordnete Arena der Begegnung, beherbergt derzeit Textilarbeiten von Migrantinnen der frühen Jahre zusammen mit einem aufragenden Faltenwurf, der an ein Minarett erinnern soll, von Bettina Allamoda.

Während die Bochumer St. Anna-Kirche, 1970 erbaut und 2007 „geschlossen“, seit zwanzig Jahren als aktives Begegnungszentrum und aktuell als Musikhalle fungiert, hat ein Bäcker die Gelsenkirchener St.-Bonifatius-Kirche gekauft und nutzt sie als Lager für Maschinen und anderes Gerät. Eine Sammlung von Kunstwerken etwa von Judith Hopf und Özlem Altin verhilft ihr in den Manifesta-Wochen nun zu einem letzten, recht bemühten Auftritt als Ort der Kultur und der Begegnung.

Bis heute nutzt die Gemeinde die Bochumer Gethsemane-Kirche. Eine Reminiszenz aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, eine Notkirche, aus Holz und Ruinenresten, ein „Kirchenbausatz“ der evangelischen Kirche, brachte (religiöse?) Kontur in die intime Gestaltung. Abriss, Umwidmung, nichts dergleichen ist geplant. Man hat sich arrangiert in der sehr gemischten Community und tut sich zu vielen Gelegenheiten im großen Saalanbau zusammen.

Penique Productions hat den Innenraum der Gelsenkirchener St. Josef-Kirche komplett mit blauer Plastikfolie verkleidet. Kirchliche Attribute und Hinweise sind unsichtbar, auch das Aloisius-Fenster, das seit 1960 ungeniert und überzeugend auf den mit blau-weißen Turnschuhen und ebensolchem Fußball ausgestatteten Patron der Jugend verweist: auf Schalke, eine der letzten Bastionen ganz selbstverständlicher Gemeinschaft, und, wenn’s denn sein soll, eventuellen christlichen Beistand.

Mit Fingerspitzengefühl und Humor adressiert das spanische, unter dem Namen Cabosanroque firmierende Künstlerpaar Laia Torrents Carulla und Roger Aixut Sampietro in der 1966 geweihten St.-Ludgerus-Kirche in Bochum den aktiv gesinnten Besucher. Sie haben ihr Interesse am Zusammenwirken von Klang und Performance rigoros umgesetzt. Der eher kleine Zentralraum wurde in ein Basketballfeld verwandelt. Korbgestell und begrenzende Stelen sind elektronisch mit der Orgel verbunden. Jeder Fehlwurf hat eine kurze Orgelintonation zur Folge. Das spielerische Versagen wird in Summe zur mehr oder weniger feierlichen Klanginstallation (playing, failing, making music).

Die Kirche wird schon seit zwei Jahren nicht mehr für den Gottesdienst genutzt, ist aber noch geweiht – und wartet auf Verwendung, die irgendwie den Ritualen des Glaubens und den Regeln jedweden Spiels gerecht werden kann. In der Manifesta-Riege könnten Kirche und Kunstwerk nun zumindest vorübergehend zum Publikumsliebling avancieren.

Die 1932 errichtete Bochumer Christ-König-Kirche mit dem großen Kirchenschiff ist wie die Duisburger Liebfrauenkirche schon seit einiger Zeit kultureller Ort der Begegnung. Nach der Manifesta soll ein Puppentheater installiert werden. Luc Tuymans hat einen textilen, gefältelten Fries hoch oben über die Längsseite gespannt, eine malerisch durchweg blau getönte Wiedergabe von (Aufmarsch-)Szenen aus dem Riefenstahl-Film „Triumph des Willens“. Er schlägt warnend den Bogen einer Transformation, einer Wandlung zum Gestrigen, zum überwunden Geglaubten, zum Unguten.

So ist die Manifesta 16 Ruhr, möglicherweise nicht ganz freiwillig, zum Panoptikum und zur exemplarischen Darbietung einer längst bekannten Misere geworden. Adäquate Heilungsmöglichkeiten dieser Entwicklung sind absehbar kaum zu erwarten. Transformationen, auch weniger kulturelle, gar fromme, vor allem nicht nur vorübergehende, stehen an. Sie sollten nicht allzu kritisch beurteilt werden. Ob sie Stoff für Kunstbiennalen sind, ist wohl eher die Frage.

Manifesta 16 Ruhr, bis 4. Oktober 2026 in zwölf Nachkriegskirchen in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen