Das Phantom von Napoli
In Neapel hängt in jedem Haus eine Notfall-Checkliste für den eher unwahrscheinlichen, aber möglichen Fall eines bevorstehenden Vulkanausbruchs. Ertönt die Sirene, gilt es, Dokumente, Bargeld und Persönliches an sich zu nehmen – und nichts wie weg. Die 4,4 Millionen Einwohner in der Metropolregion Neapel sind eingekreist von gleich mehreren seismischen Zeitbomben: vom Vesuv, von den Phlegräischen Feldern und vor allem von einer unter der Stadt blubbernden, gigantischen Magmablase.
An einem solchen Ort, wo eine einzige Eruption Tausende Jahre Geschichte einäschern könnte, bekommen die Lieder, die hier geschrieben werden, eine tiefere Bedeutung. Wer in Napoli von Liebe, Trennung und Verlust singt, tut dies auch im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit und mit einer gewissen Melancholie.
Vermutlich nur hier kann es einen Star wie Liberato geben, dessen kometenhafte Karriere 2019 mit dem Song „Nove Maggio“ („Neunter Mai“) begann, einer Trennungsballade, die ein ganzes Land elektrisierte. Selbst die Sprachbarriere – Liberato singt auf neapolitanisch – hat seiner Popularität in Italien nicht geschadet. Im Gegenteil. Vielleicht ist gerade die Sprache der Vulkane eine unverbrauchte, glaubwürdige Sprache der Liebe. In „Niente“ („Nichts“) beschreibt Liberato eine Trennung als Implosion, in der sich eine große Liebe auflöst. Seit Jahrzehnten gab es in Italien keinen Sänger mehr, mit dessen Songs sich die Menschen so sehr identifizieren konnten. Sein Wahrzeichen ist eine Rose mit ihren schmerzhaften Dornen.
Liberato komponiert seine Songs immer wieder nach traditionellen Vorlagen, den Gassenhauern der Canzone Napoletana, und erweitert sie mit seinem eigenen Pidgin English ins Internationale. Ähnlich verfährt er mit seiner Stimme. Er singt schön im Sinne des Belcanto, verwendet aber auch Auto-Tuning und Vocoder, womit er die seit Enrico Carusos „O Sole Mio“ zutiefst singbare neapolitanische Sprache auf eine neue, hypnotische Ebene hebt.
Auf mittlerweile drei Platinalben, einem Soundtrack („Ultras“) und dem vor einem Monat veröffentlichten Mixtape „Radio Liberato“ zieht er zudem zeitgenössische Popregister. Er vermischt modernen R’n’B, subsonische Bässe, EDM und Trap – ein gelungenes Mash-up mit unwiderstehlicher Verführungskraft, etwa wenn er in „Je te voglio bene assaje“ („Ich liebe dich sehr“) oder „Tu t’e scurdat’ ’e me“ („Hast du mich vergessen“) traditionelle Melodien mit den Produktionstechniken des 21. Jahrhunderts behandelt.
Er bleibt ein Geheimnis
All das geschieht zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem sich Neapel seines seit Jahrzehnten anhaftenden Rufs als Failed City entledigt und wie Phönix aus der Asche zu einer der glamourösesten Metropolen Europas aufsteigt. Während der SSC Napoli 2023 nach endlosen 33 Jahren sehnsüchtigen Wartens den dritten (und gleich darauf den vierten) Scudetto gewann und die Stadt sich dank EasyJet und Airbnb zu einem neuen Massentourismus-Hotspot im Mittelmeer entwickelt, erlebt die weltberühmte Küche Neapels einen Generationenwechsel, weil Traditionsgastronomen wie Giuseppe Scicchitano zu TikTok-Food-Influencern mit Millionen von Followern wurden. Liberato schließlich überstrahlt in dieser Aufbruchsstimmung viele andere Produzenten und Sänger wie Geolier oder Nu Genea, die ihrerseits für neues musikalisches Selbstbewusstsein stehen.
In diesem Licht verwundert es nicht, dass Liberato im 100. Jubiläumsjahr des SSC Napoli erstmals das riesige Stadion Diego Armando Maradona ausverkauft hat. Es ist ihm vielleicht auch deshalb gelungen, weil niemand weiß, wer Liberato ist. Er tritt stets vermummt und wie Daft Punk mit goldener Fechtmaske auf. Das Rätselraten um seine Identität hat in Italien groteske Ausmaße angenommen. Es gibt Sondersendungen im TV, ein investigatives Buch und als Antwort auf all diese Spekulationen sogar einen von Liberato selbst produzierten Mangafilm, in dem seine Kindheit, seine Jugendzeit und seine erste traurige Liebe am Golf von Neapel erzählt werden.
Ist er nun ein Dichter aus dem Camorra-Viertel Scampia? Oder verbirgt sich hinter seinem Künstlernamen ein Kollektiv von Pop-Produzenten? Am wahrscheinlichsten ist, dass er ein in Neapel schon lange aktiver Sänger und Produzent mit einer retrofuturistischen Vision des Südens ist, dessen stabiler Freundeskreis seine Identität niemals verraten würde: Omertà.
Beim Konzert im Stadion zog Liberato wieder alle Register – mit Feuerwerk, Ausdruckstänzerinnen und einer Band in weißen Fechtanzügen mit Gesichtsmasken. Immer wieder betätigte Liberato auf der Bühne eine handbetriebene, hydraulische Vulkanwarnsirene, mit der er freilich nicht mehr zur Flucht aufrief, sondern zur kollektiven Euphorie. Das aus jungen Pärchen bestehende Publikum brach vom ersten Takt an in Ekstase aus – textsicher und mit Jubelstürmen, wie man sie seit Michael Jackson nicht mehr erlebt hat.
Aber es wurde in Neapel auch das Paradoxon deutlich, dass Liberato ein Künstler mit einem lokal begrenzten Wirkungsradius ist. So sehr er auch einen ganzen Kulturraum – Süditalien – im Stadion zu vereinen vermag, bleibt er die Antwort schuldig, wie er seinen nächsten Schritt gehen und seine Persona über die Alpen und in die Welt bringen will. Es bleibt die Maske, das Geheimnis.