„Das macht uns natürlich ein bisschen nervös“ – Die neue Angst des Einzelhandels
Deutschlands Einzelhändler haben mit Blick auf das beginnende Weihnachtsgeschäft große Sorge vor neuen Protesten der Initiative „Gen Z regelt“. „Jede Veranstaltung, gerade an den einkaufsstarken Samstagen, führt dazu, dass es zu weniger Frequenz kommt“, sagt Alexander von Preen, der Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE). Und das erhöhe dann das Risiko für Umsatzeinbrüche. „Das macht uns natürlich ein bisschen nervös.“ Denn gerade die Wochenenden seien wichtig für ein gutes Weihnachtsgeschäft.
Zuletzt hatten Zehntausende Menschen in mehreren Städten unter anderem für mehr Klimaschutz, für Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen eine Wehrpflicht demonstriert. Dabei war es nach zunächst friedlichen Protesten vereinzelt auch zu Gewalt, Vandalismus und Plünderungen gekommen, etwa in Köln und Frankfurt.
„Es gibt berechtigte Interessen der jungen Generation“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. „Krawalle, Plünderungen und Straftaten in unseren Innenstädten, das dürfen wir als Gesamtgesellschaft aber nicht dulden.“ Hier müsse mit aller Härte vorgegangen werden. „Wir setzen darauf, dass der Rechtsstaat funktioniert“, so Genth, dessen Verband sich im Vorfeld der Proteste gemeinsam mit anderen Organisationen bereits an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) gewandt hatte.
Weitere Proteste sind bereits angekündigt. Der HDE fürchtet in dem Fall Auswirkungen auf das Einkaufsverhalten in den Innenstädten – und damit um das für die Branche so wichtige Weihnachtsgeschäft. Fast 20 Prozent ihres Jahresumsatzes machen die Einzelhändler hierzulande in den Monaten November und Dezember, das sind am Ende rund 130 Milliarden Euro. In einzelnen Segmenten wie Spielwaren, Büchern oder Unterhaltungselektronik liegt der entsprechende Anteil sogar bei bis zu 26 Prozent.
Und diese Einnahmen sind fest einkalkuliert. Zumal das Geschäft im bisherigen Jahresverlauf eher schwach verlaufen ist. Stand für das erste Halbjahr noch ein kleines Plus von real 0,7 Prozent, gaben die Zahlen im dritten Quartal teils deutlich nach. Für den September hat das Statistische Bundesamt jüngst ein Minus von inflationsbereinigt zwei Prozent vermeldet.
Dabei hatten Ökonomen eigentlich mit einem leichten Wachstum gerechnet. „Die Menschen sparen praktisch in der gesamten Breite ihrer Einkäufe“, kommentiert Cyrus de la Rubia, der Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank. Das gelte sowohl für den Lebensmittel- als auch für den Nicht-Lebensmittelhandel. Und auch online werde weniger geshoppt. „Für den Einzelhandel ist das ein Trauerspiel“, betont der Analyst. Zumal es im ersten Halbjahr nicht mehr als ein blutleeres Wachstum gegeben habe.
Verbraucher wollen 262 Euro für Geschenke ausgeben
Für das anlaufende Weihnachtsgeschäft nun geht der HDE zumindest von einer stabilen Entwicklung aus – jedenfalls so lange es keine Behinderungen durch neue Proteste gibt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage von YouGov im Auftrag des Verbandes. Danach schätzen die Verbraucher ihre Geschenkeausgaben zum Jahresende auf durchschnittlich 262 Euro. Zum Vergleich: 2025 lag dieser Wert bei 263 Euro. In den Jahren davor wurden in den Befragungen allerdings auch schon Werte von 300 Euro und mehr gemessen.
Bestseller sind und bleiben auch in diesem Jahr Geschenkgutscheine, zeigt die YouGov-Umfrage. Dahinter folgen dann Spielwaren, Bücher/Schreibwaren, Kosmetik/Körperpflege sowie Bekleidung und Schuhe. Und dabei sind Angebote elementar wichtig. Jedenfalls rechnen laut einer Händler-Befragung 85 Prozent der 300 befragten Unternehmen damit, dass „die Kunden stärker auf den Preis achten werden, da vieles teurer geworden ist“.
Die grundsätzliche Verbraucherstimmung ordnen 57 Prozent der Non-Food-Händler als aktuell schlechter als im Vorjahr ein, weitere 17 Prozent sogar als deutlich schlechter. Die Erwartungen an das Weihnachtsgeschäft sind etwas besser. „Es gibt Anzeichen dafür, dass Weihnachten der Krise trotzen kann“, bemüht sich HDE-Präsident von Preen um Optimismus.
Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, den Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Mittelstandsunternehmen.