Das Drama vom übersteuerten Leben
Es ist am Anfang alles nur ein Test. Das Kommando hat der Toningenieur Grover an seinem riesigen Mischpult, sein Assistent Charlie klopft und zupft hinter der Scheibe. „Bassdrum“ – läuft. „Snare“ – Daumen hoch. Die Overhead-Mikrofone sind auch an. Das Bass-Signal ist da, das Gitarren-Signal folgt, ein Mikro bleibt tot, das lässt sich lösen. Alles im grünen Bereich. Doch an einer entscheidenden Stelle versagt die Technik: Die Kaffeemaschine ist kaputt. Die eintreffenden Musiker werden einer nach dem anderen mit der Hiobsbotschaft konfrontiert. Es droht ein Aufstand auszubrechen. Scheitert der Jahrhundert-Hit am Koffeinmangel? Kokain ist zum Glück ausreichend vorhanden.
Gleich zu Beginn von „Stereophonic“ ist der zentrale Konflikt in der Tücke des Details bereits angelegt: Während die beiden Toningenieure an der Technik basteln, drohen die Bandmitglieder in Lebens- und Liebesproblemen, in Sucht und Schlafmangel zu versinken. Hier die klaren, cleanen Abläufe, High-End-Soundtechnik und musikalische Virtuosität, dort das Chaos des Daseins, ein Abgrund von Gefühl und Gewühl: das Rauschen des Lebens, das jedes Signal zu überwuchern droht. „Lass uns einfach professionell bleiben“ ist der Cantus firmus oder besser: die Bassline, die allem unterliegt und doch ständig überhört wird.
„Stereophonic“, der Tony-gekrönte Broadway-Hit von David Adjmi, den Thomas Ostermeier nun in der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz als deutschsprachige Erstaufführung herausgebracht hat, ist ein echter Theatercoup. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind ein Aufnahmestudio. Es gibt, abgesehen vom Klo, auf das die Bandmitglieder ständig zum Koksen verschwinden, nur zwei strikt getrennte Räume: den Kontrollraum, zum Publikum offen im Vordergrund, und darüber der von Glasscheiben schalldicht abgetrennte Aufnahmeraum mit den Instrumenten. Schon diese Zweiteilung symbolisiert den Konflikt von Kunst und Leben, auch wenn die privaten Dramen mehr und mehr hinter die Glasscheibe in den „Live Room“ wandern.
„Torquato Tasso“ im Rockbandformat
Adjmi hatte die riskante Grundidee, den Entstehungsprozess eines großen Rocksongs zum Inhalt eines Theaterstücks zu machen: das Enervierende und Langweilige des Prozesses im Studio, das endlose Basteln an Tonspuren, die nervige, nerdige, für Außenstehende völlig unverständliche Suche nach dem idealen Verzerrungsgrad einer E‑Gitarre. Gerade das soll hier den Hintergrund für ein zeitgemäßes Künstlerdrama abgeben, „Torquato Tasso“ im Rockbandformat sozusagen.
Die Grundkonstellation hat Adjmi dem gut dokumentierten Entstehungsprozess von Fleetwood Macs „Rumours“ von 1977 entlehnt – wenn man ein Album der großen 1970er-Rock-Ära kennt, dann dieses, mit Songs wie „Dreams“, „The Chain“, „Don’t Stop“ oder „Go Your Own Way“. Ein Meisterwerk, das allerdings über einem Abgrund aus Beziehungskriegen, Lebenskrisen und Drogenexzessen entstand. Hier wie dort ist der Schauplatz das kalifornische Sausalito, wo die ursprünglich für ein paar Wochen geplanten Aufnahmen sich ewig hinziehen. Drummer Mick Fleetwood hat „Rumours“ rückblickend als „Tagebuch unseres eigenen Schmerzes“ bezeichnet.
Wie im rockhistorischen Vorbild mit Stevie Nicks und Lindsey Buckingham gibt es im Mittelpunkt der (im Übrigen namenlosen) „Stereophonic“-Band ein genialisches Songwriter- und Sängerpärchen. Peter und Diana sind seit Langem zusammen, aber in einer schweren Krise. Die hochtalentierte, aber unsichere junge Frau ist im Begriff, sich vom Mentorentum ihres Partners zu emanzipieren. Der erfahrene Gitarrengott Peter bekommt ein Problem mit seinem Selbstbild.
Moritz Gottwald spielt Peter sehr gegenwärtig als toxisch männlichen, passiv-aggressiven Narzissten und Choleriker; Magdalena Lerner lässt als Diana hinter ihrer habituellen Divenhaftigkeit immer wieder ihre Verletzlichkeit durchscheinen. Während der Arbeit am neuen Album erfährt die Band, dass das Vorgängeralbum – und die Single aus Dianas Feder – mit Verzögerung zum Megaerfolg werden. Auch das war bei Fleetwood Mac so: Das von der Plattenfirma bewilligte Budget erhöht sich rekordverdächtig, der Erwartungsdruck aber auch.
Das dritte Kreativzentrum der Band ist Holly (Eva Meckbach), reifer, abgeklärter, selbstsicherer, aber in einem quälenden Ehekrieg mit dem Bassisten Reg verstrickt, den Marcel Kohler großartig buddhistisch-druffig spielt. Der Kaffeemaschinen-Aussetzer zu Beginn gewinnt erst durch das vorausgegangene nächtliche Beziehungsdrama sein katastrophales Gewicht: Niemand hat ein Auge zugetan, ob wegen Lärm oder Kokain ist nicht ganz klar. Schlaflos in Sausalito, so könnte das Stück auch heißen. Wenn die Band eine Ersatzfamilie ist, dann eine höchst dysfunktionale.
Dass aber alle große Musiker sind, bleibt nicht nur Behauptung, man kann es hören. Zu Adjmis Konzept gehört, dass die Schauspieler selbst live musizieren. Will Butler, Kopf der Band Arcade Fire, hat einen fantastischen (als Album erschienenen) Retro-Soundtrack komponiert, den auch die Berliner Truppe beeindruckend authentisch umsetzt. Wenn Diana, fragil und stimmgewaltig zugleich, der Band eine spontane Komposition vorträgt, gab es bei der Premiere (in Anwesenheit von Adjmi und Butler) Szenenapplaus, als wäre man bei einem Popkonzert. Das gehört zum Konzept, so ist die Empörung umso heftiger, wenn der rivalisierende Peter den Song danach zu lang findet und gönnerhaft sagt, damit könnte man arbeiten.
Schwingt nicht die Tomtom mit?
Die erzählte Zeit des Stücks erstreckt sich über ein ganzes Jahr; die Inszenierung dauert gut drei Stunden. Es ist Teil der Dramaturgie, dass der Zuschauer zumindest punktuell ein Gefühl für die Durststrecken der Studioarbeit bekommt. Songs werden angespielt und abgebrochen, wegen vergeigter Einsätze, dem falschen Tempo oder einfach aus Perfektionismus, mit dem Peter die Kollegen und seine bemitleidenswerten Studiodienstboten Grover und Charlie terrorisiert. Die 2012 erschienenen Memoiren des „Rumours“-Toningenieurs Ken Caillat boten Adjmi einiges an Anschauungsmaterial.
Die Suche nach dem richtigen Schlagzeugklang hat schon Fleetwood Mac in den Wahnsinn getrieben: Raschelt da nicht etwas? Schwingt nicht die Tomtom mit? Der ungeschulte Hörer bemerkt keinen Unterschied, und soll es auch nicht. Er hat allerdings zur Ablenkung nichts Hochprozentiges oder härtere Drogen zur Hand wie die am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelnden Musiker.
Immer wieder kippt die künstlerische und technische Fummelarbeit in erbitterte private Konflikte um. Reg wird von Holly verlassen. Dem Drummer Simon, Ruhepol und (Konflikt-)Manager, geht die Ehe in die Brüche. Peter und Diana tragen ihren Rosenkrieg fast an die Schwelle zu häuslicher Gewalt aus. Zugleich aber werden dem emotionalen Overdrive großartige Songs abgerungen. Reine Sublimation der wild herumschießenden Triebenergien wäre dafür eine zu simple Erklärung: Woher die Kunst kommt, bleibt Geheimnis.
Insofern wird nichts dekonstruiert oder demaskiert – auch wenn einer von Peters Hits „Masquerade“ heißt. Natürlich ist der Popstar eine Rolle, wie Diana in einem verzweifelten Monolog einmal bekennt, und nicht einfach der Ausdruck von inneren Zuständen vor Zigtausenden von fremden Menschen. In einer Szene singen Holly, Diana und Peter Background-Vocals ein; als die Technik streikt, bricht sich der Hass in wüsten Beschimpfungen Bahn. Auf dem Band gibt es nur perfekte Harmonie.
Die Toningenieure haben eine undankbare Rolle, da sie über weite Strecken nur das Publikum für die Songs, aber auch für das theatralische Gebaren der Künstler-Egos bilden. Sie müssen (das dürfte sehr realistisch sein) vor allem anerkennend nickend, auch noch Take 35 eines Gitarrenparts geil finden und werden dafür runtergemacht, wenn was schiefgeht. Charlie (David Ruland) bleibt der stoische Fels in der Brandung. Umso großartiger, was Stefan Stern aus Grover macht – nämlich die heimliche Hauptfigur der Inszenierung. Stern lässt in den winzigen Zwischenräumen seiner grandiosen, clownesken und slapstickhaften Mimik die tiefe Tragik einer Figur hervorblitzen, die ständig ihr Inneres verbergen muss.
Grover opfert auch sein Leben der Kunst. Er war ein Jahr lang Zeuge der destruktiven Kräfte und weiß, dass sie ihn mitleidlos vernichten würde, wenn er sich ihnen in der Realität auslieferte. Das erotische Angebot Dianas lehnt er ab. Was am Ende bleibt, ist der perfekte Song, das in ein Album gepresste Leben, der Soundtrack seiner Einsamkeit.