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Das aufwändigste Hamburger Ballett aller Zeiten

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Vor der Spiegelwand an der Kopfseite herrscht im großen Probenraum des Ballettzentrums höchste Konzentration. Choreograf Alexei Ratmansky und sein Assistent betrachten die siebte Szene im zweiten Akt: Drei Tänzer schieben ein Ruderboot auf Rollen im Raum durch imaginäre Fluten. In ihm sitzen ein strickendes Schaf, das einmal eine Weiße Königin gewesen sein mag, und ein Mädchen namens Alice, das ihr eben noch den Schal gerichtet hat, getanzt von Olivia Betteridge.

Letztere pflückt herrlich duftende Blumen, gereicht von kleinen Gruppen aus Tänzerinnen, die als seerosenartige Inseln über das Wasser treiben – und muss feststellen: kaum sind sie aus dem Wasser, sterben sie. Als Begleitmusik erklingen Stücke von Gabriel Fauré sowie von Gustav Holst, mal vom Band, mal live am Klavier.

Ratmansky bleiben nur wenige Tage bis zur Uraufführung seines Balletts „Wunderland“ an der Hamburgischen Staatsoper, das er nach den Romanen von Lewis Carroll erdacht hat. „Alice im Wunderland“ steht Pate für den ersten, „Alice hinter den Spiegeln“ für den zweiten Akt. Die rund zweieinhalbstündige Premiere im Rahmen der ersten deutschen Tanztriennale und zum Auftakt der Hamburger Balletttage zeigt das erste Handlungsballett, seit sich John Neumeier im Juli 2024 als Intendant des Hamburg Ballett verabschiedet hat. Er brachte zuletzt im Jahre 2019 „Die Glasmenagerie“ nach Tennessee Williams zur Uraufführung.

Der aus St. Petersburg stammende Ratmansky ist einer der wichtigsten Choreografen unserer Tage. Er wuchs in der Ukraine auf, startete dort seine Karriere und leitete in Moskau bis 2008 vier Jahre lang das Bolschoi Ballett. Danach war er als Artist in Residence dem American Ballet Theatre in New York verbunden, wo er heute lebt, und wechselte 2023 zum New York City Ballet. Moskau verließ er im Februar 2022 unmittelbar nach dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine und sprach sich gegen die Invasion aus. Heute sieht er es als Fehler, nach der Krim-Annexion 2014 noch in Russland gearbeitet zu haben.

„Nur langweilige Menschen langweilen sich“

Nun steht Ratmansky im Ballettzentrum in Hamburg, betrachtet die Blumenmädchen konzentriert und zeigt in kerzengerader Haltung mit wenigen Worten und klaren Gesten, wie man Blumen liebevoll hält, sich mit ihnen wiegt und sie mit Grazie darbietet. Betteridge übt derweil, sich auf den schwankenden Bootsplanken zu bewegen, ohne beim Pflücken von Wasserpflanzen über Bord zu gehen. Lächelnd sammelt sie einen Strauß.

Die Solistin kennt die Alice-Romane seit ihrer Kindheit. Sie liebe die absurden Momente, sagt sie im Gespräch mit WELT AM SONNTAG und findet es „unglaublich, wie Lewis Carroll die Vorstellungskraft eines Kindes so genau einfangen kann“. Ihre Mutter habe gesagt: „Nur langweilige Menschen langweilen sich“, erinnert sie sich, und Alice sei der Beweis: „Das Mädchen sitzt da zwei Stunden nach außen praktisch regungslos herum und erlebt all diese Abenteuer in ihrer Vorstellung, ohne sich einen Moment zu langweilen.“

Mit der Hauptfigur kann sich Betteridge problemlos identifizieren: „Alice ist mutig, neugierig, albern, temperamentvoll. Und sie ist höflich. Und ich versuche, das habe ich von John Neumeier gelernt, menschliche Wahrheit in der Rolle zu finden, mit der andere sich verbinden, an die jeder andocken kann.“ Ratmansky habe, so die Hauptdarstellerin, „natürlich eine völlig andere Herangehensweise als John, aber er ist so optimistisch, so enthusiastisch, das ist ansteckend“. Für die Aufführungen nach der Premiere gibt es mit Charlotte Larzelere und Paula Iniesta zwei weitere Alices, die abwechselnd tanzen werden.

40 Musikstücke vom Barock bis zu neuen Kompositionen

Nicht nur die dreifache Alice spricht für den Umfang der Produktion, die ganze Compagnie ist gefragt. Das Bühnenbild von Sebastian Hannak ist das aufwändigste je an der Staatsoper für eine Choreografie produzierte, wie Konrad Klasen als Technischer Leiter Ballett erklärt. Die Aufführung wird vom Philharmonischen Staatsorchester unter Leitung des estnischen Dirigenten Vello Pähn begleitet, der seit 1992 mit John Neumeier zusammenarbeitet. Die Partitur hat es in sich: Knapp 40 Stücke von rund 30 Komponisten unterstützen Alice auf ihrer Reise mit Musik von Barock über Klassik bis zu Elektro und neu geschriebener Musik.

Alice folgt nach ihrem Sturz ins Wunderland dem hektischen Kaninchen durch einen Tunnel, der mit einem LED-Leuchtportal beginnt und sich dann mit gemalten Bögen fortsetzt. „Ursprünglich sollten alle Bögen mit LED bestückt sein“, sagt Klasen, „aber dann musste die Ausstattung aus Kostengründen um zwei Drittel gekürzt werden.“ Auch nach diesem drastischen Einschnitt ist die Kulisse noch die teuerste, die je in den Werkstätten der Staatsoper gebaut wurde, das Stück umfasst 28 Bilder. Zum Aufwand tragen auch technische Effekte bei. So wird das Ruderboot auf der Bühne elektrisch gefahren und gesteuert.

20 Techniker täglich in drei Schichten

Dazu kommen prächtige Dekorationen, die hinter dem knapp acht Meter hohen Portal auf Stoffen herabgelassen werden können, vier hohe blaue Rundbögen für den zweiten Akt und ein Podest, das im zweiten Teil auf einen Meter Höhe gefahren wird und dem Spiel eine weitere Ebene zur Verfügung stellt.  Die immerwährende Teetafel des Märzhasen wird auf einer schrägen Ebene gefeiert. Da sie betanzt werden kann, ist sie stabil gebaut und hat ein erhebliches Gewicht. Sie wird mit Pressluft angehoben und bewegt.

Wie viele Liter in die Teekanne passen, lässt sich schwer exakt ermitteln. Sie ist jedenfalls groß genug, um einen Menschen zu beherbergen. Ein Stück Torte ist einen halben Meter lang, Messer und Gabel je einen Meter. 20 Techniker arbeiten täglich in drei Schichten, um die gewaltige Aufgabe zu stemmen. „Aber wenn man sieht, wie die Tänzerinnen und Tänzer ihr Leben in ihren Beruf stecken, wie sie immer wieder mehr als hundert Prozent geben“, sagt Klasen, „dann machen wir unsere Arbeit genauso gern.“

Uraufführung „Wunderland“: 20. Juni