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Berlin/Tel Aviv – Drei Jahre sind vergangen. Doch für Dafna Gerstner (42) fühlt sich der 7. Oktober 2023 an, als wäre er gestern gewesen. „Ich brauche keinen 7. Oktober. Ich denke jeden Tag daran“, sagt sie. Am 7. Oktober 2023 war die gebürtige Israelin, die zum Studium nach Deutschland kam und blieb, mit ihrem deutschen Ehemann auf Familienbesuch in ihrem Heimatkibbuz Be’eri in Israel. Dass sie überlebte, verdankt sie auch einer Entscheidung, die sie kurz zuvor getroffen hatte.

Eigentlich wollte Dafna Gerstner wie sonst auch bei Freunden übernachten. Kurzfristig entschied sie sich stattdessen für den Schutzraum im Haus ihres Bruders Eitan. „Dadurch, dass mein Mann Florian dabei war, habe ich gedacht, lieber nehmen wir kein Risiko in Kauf“, sagt Gerstner. Sie dachte dabei an Raketen, wie sie aus Gaza manchmal auf israelisches Territorium abgeschossen werden. Das, was dann passierte, hätte sie sich niemals vorstellen können.

Am Morgen des 7. Oktober drangen Hamas-Terroristen zu Dutzenden in Be’eri ein, ermordeten Bewohner, verschleppten andere und steckten Häuser in Brand. Gerstners Bruder Eitan verließ das Haus, um den Kibbuz zu verteidigen. Er kehrte nicht mehr zurück. Gerstner und ihr Mann saßen im Schutzraum fest. 19 Stunden. Sie hörten die Kämpfe, die Schüsse und dachten, sie würden sterben. Der schlimmste Moment? „Am Abend, als wir bereits stundenlang gewartet hatten und nicht wussten, ob wir befreit werden oder ob Terroristen ins Haus eindringen.“ Die Ungewissheit wurde unerträglich. Gerstner bekam eine Panikattacke. Dann, gegen 1 Uhr nachts, kamen endlich Soldaten und holten sie aus dem Schutzraum. Gerstner und ihr Mann wurden gerettet, ebenso wie ihr pflegebedürftiger Vater. Ihr geliebter Bruder Eitan wurde ermordet.

Die Nachricht aus Deutschland

Zu den Erinnerungen, die Gerstner bis heute nicht mehr loslassen, zählt auch diese: Während sie im Schutzraum um ihr Leben bangte, bekam sie eine Nachricht aus Deutschland. Darin stand, dass in Berlin der Hamas-Terror von einigen auf der Straße gefeiert werde. „Ich dachte, das kann doch nicht wahr sein.“

Für Gerstner wurden das Massaker am 7. Oktober und die Reaktionen derer, die es in Berlin feierten, zum Wendepunkt. Deutschland war für sie einmal ein sicherer Hafen. Heute fühlt sie sich hier nicht mehr sicher. Sie spricht ihre Muttersprache Hebräisch nicht mehr auf der Straße, nimmt kein Taxi mehr, schaut sich genauer an, wohin sie geht: „Ich bin viel, viel vorsichtiger geworden.“ Auch die politische Lage beunruhigt sie – etwa der Sieg der Linken in Berlin, deren Haltung zum Antisemitismus Gerstner nicht genau einschätzen kann, und das Erstarken der AfD.

Gerstner sieht Bilder von pro-palästinensischen Demonstrationen in Deutschland, auf denen Juden als „Schweine“ bezeichnet werden, und niemand schreitet ein. Sie versteht nicht, warum solche Demos auch für den Jahrestag des 7. Oktober genehmigt wurden. „Der Antisemitismus ist in Deutschland salonfähig geworden“, glaubt Gerstner. Sie überlegt, nach Israel zurückzukehren – falls die Lage in Deutschland für Juden weiter eskaliert.

Kritik an Israel – aber keine Rechtfertigung für die Hamas

Gerstner ist keineswegs eine blinde Unterstützerin der israelischen Regierung. Sie spricht von einem „kompletten Versagen“. Auch den Krieg in Gaza sieht sie kritisch. Dies dürfe aber nicht zur Rechtfertigung für die Hamas werden. „Was die Hamas gemacht hat, ist keine Lösung.“ Deshalb hat sie mit Journalist Manfred Otzelberger ein Buch („Sie kamen, um uns zu töten“) über ihre Erfahrungen geschrieben: „Ich habe es für die Deutschen geschrieben.“ Ihre Botschaft zum Jahrestag ist klar: Der 7. Oktober darf nicht relativiert werden. Und eine Terrororganisation darf nicht als legitime Widerstandsbewegung oder gar heldenhaft dargestellt werden.

Drei Jahre nach dem Massaker lebt Dafna Gerstner zwischen Angst und Hoffnung. Angst vor dem, was aus Deutschland werden könnte. Und Hoffnung auf das, was in Be’eri wieder entstehen soll. Ihr Heimatkibbuz wird gerade neu aufgebaut. „Die Menschen wollen wieder zurück. Das ist Resilienz.“