Chronist einer „Welt ohne Mitte“ – Michael Stürmer ist tot
Er war ein großer, aber auch ein ungewöhnlicher Historiker. „Mythen“, schrieb er einmal, „sind mitunter der wichtigste Teil der Wirklichkeit.“ Michael Stürmer, in der Geschichte Europas und der internationalen Beziehungen von ungeheurer Belesenheit und analytischer Schärfe, beherrschte zugleich den leichten Ton und die mitunter fast frivole Anspielung auf die Wechselfälle des wirklichen Lebens. Jetzt ist Michael Stürmer in seinem Haus südlich von München nach langer Krankheit im Alter von 87 Jahren gestorben.
Geboren wurde er 1938 in Kassel in einem musischen Elternhaus. Der Vater war Komponist, die Mutter Geigerin und Musiklehrerin. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Herkunft zur Musikalität seiner Sprache, zu einer bei Historikern äußerst seltenen Eleganz der Diktion beigetragen hat. Der Anblick seiner im Krieg schwer zerstörten Heimatstadt, so hat er einmal erzählt, war für ihn eine lebensprägende Erfahrung: So sollte es nie wiederkommen können.
Michael Stürmer hat sich später zu Zeiten, als das fast tabu war, viel mit der Frage der Nation befasst. Nicht im alten nationalistischen Sinne. Sondern auf der Suche nach Traditionslinien, die womöglich Hitlers wahnsinniges Zerstörungswerk überdauern könnten.
Die Verirrungen und Verluste der deutschen Geschichte
Nach einem Studium von Geschichte, Philosophie und Sprachen promovierte Stürmer 1965 mit einer Arbeit über „Koalition und Opposition in der Weimarer Republik“. Die Habilitation dann bei Helmuth Böhme in Darmstadt spannte den Bogen schon weiter: Sie befasste sich mit Regierung und Reichstag im Bismarck-Staat. Schon hier wurde ein Quell seines historischen Interesses erkennbar. Von der aktuellen deutschen Misere aus blickte er suchend zurück, erst in die deutsche, dann in die europäische Geschichte. Und schließlich in die weltpolitischen Konstellationen. Mit Blick auf Verirrungen, aber auch auf schmerzliche Verluste. Den Untergang der höfischen Kultur des 18. Jahrhunderts beklagte er. Der Gedanke, die Geschichte ließe sich als ein Fortschrittsgeschehen deuten, war ihm gänzlich fremd.
Nach einem kurzen Zwischenspiel an der Gesamthochschule Kassel, wo Michael Stürmer den hessischen Reformansätzen zuerst wohlwollend gegenüberstand, war er 30 Jahre lang, von 1973 bis 2003, Professor für Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. Danach zehn Jahre lang Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, die damals noch in Ebenhausen bei München angesiedelt war.
1983 erschien sein monumentales Werk „Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918“. Er ging der Frage nach, warum es dem in der Mitte Europas gelegenen Deutschland nicht gelang, zu selbstbewusster Ruhe zu finden. Es ging ihm dabei nicht um Versagen und Schuld. Er arbeitete die mächtigen, auch große Persönlichkeiten weit überragenden Kräfte heraus, die zur deutschen Katastrophe geführt hatten.
Anfang der 80er-Jahre trat Helmut Kohl, damals noch Oppositionsführer, an Michael Stürmer heran, um ihn als außenpolitischen Berater zu gewinnen. Stürmer sagte schnell zu. Sechs Jahre lang arbeitete er für Kohl, schrieb Konzepte und Reden. Einmal dolmetschte er simultan bei einem Gespräch Kohls mit dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan.
1986 endete die Zusammenarbeit abrupt, Stürmer sprach nicht gern darüber. Später sagte er einmal auf die Frage nach Kohls politischen Prinzipien: „Für ihn setzte sich Politik zusammen aus Menschen.“ Das ist mehr als eine Plattitüde, es charakterisiert auch Stürmers Zugang zur Geschichte. Denn nicht Theorien oder Ideen oder mehr oder minder kluge Pläne machen Geschichte. Sondern Menschen machen sie, und deswegen ist sie so unberechenbar, wie Menschen es auch sind.
Michael Stürmer war der Überzeugung, dass es Kräfte und Zufälle gibt, die auch dem Handeln der Großen Grenzen setzen und ihre Pläne durchkreuzen können. Den aus der Aufklärung stammenden Glauben, Menschen könnten planvoll Zukunft gestalten, teilte er nicht. Die Vergeblichkeit und das Scheitern waren für ihn ein beständiger Teil von Geschichte. Es kommt immer anders als gedacht, oft genug auch schlimmer.
Für eine Moderne, die ohne Bilderstürmerei auskommt
In einem Interview befragte ihn Alexander Kluge einmal nach dem gegen Ende des Kaiserreichs so unglücklich und introvertiert agierenden Reichskanzler Bethmann Hollweg. Dieser habe, antwortete Stürmer, depressive Züge gehabt. Und sie könnten „einen generellen Skeptizismus umkleiden“. Einen Skeptizismus, der ihm selbst nicht ganz fremd sei. Seit der Französischen Revolution begann sich die Überzeugung festzusetzen, der Fortschritt müsse mit der Zerstörung des Herkömmlichen Hand in Hand gehen. Michael Stürmer sah darin einen Rückschritt. Er hatte eine Moderne im Sinn, die ohne Bilderstürmerei auskommt und das Alte nicht beseitigt, sondern einbezieht.
Dass er für Helmut Kohl arbeitete, war dem Ansehen Michael Stürmers in den letzten Jahren der Bonner Republik abträglich. Dann kam 1986/87 der Historikerstreit. In ihm griff Jürgen Habermas Stürmer frontal an. Und unterstellte ihm, er sei ein Revisionist, der – unter Umgehung von NS-Zeit und Shoah – die Nation wieder zum deutschen Ein und Alles machen wolle.
Habermas’ Angriff auf Stürmer war bösartig und verkannte dessen Deutung des neueren, supranationalen deutschen Selbstverständnisses. Für Stürmer war die Idee des Gleichgewichts, die in der europäischen Politik seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts eine bestimmende Rolle spielte, von entscheidender Bedeutung.
Die Trauer darüber, dass Europa nicht mehr der Mittelpunkt der Welt ist
Er schrieb: „Der Nationalstaat war nicht der deutschen Geschichte erstes Wort, und er wird auch nicht ihr letztes sein.“ Jahre vor der deutschen Wiedervereinigung nannte er die Nation eine „verborgene Wirklichkeit“. Die Ereignisse des Jahres 1989 gaben ihm recht. Es gehe heute, schrieb Stürmer, „nicht um die Frage, wie der Nationalstaat zu überwinden sei, sondern wie die europäischen Nationen kraftvoll zusammenwirken“. Ein Postulat, das in der heutigen Debatte über die Europäische Union aktuell und wirkmächtig geworden ist.
Michael Stürmer hat, nicht ohne Trauer, oft konstatiert, dass Europa nicht mehr der Mittelpunkt der Welt ist. Damit müsse man fortan umgehen, hielt er nüchtern fest. Doch von der Mission Europas wollte er nicht lassen: „Gleichgewicht ist eine europäische Kunst der Vergangenheit und muss zu einer atlantischen Kunst der Gegenwart und Zukunft sein.“ Diese Betonung des Gleichgewichts brachte Stürmer dazu, allzu milde mit Russlands neuerlichen imperialen Gelüsten umzugehen.
In den letzten Jahrzehnten hat sich sein Blick verfinstert. Er sprach von einer „Welt ohne Mitte“. Und er befürchtete, statt einer neuen gleichgewichtigen Weltordnung werde bald schon Chaos herrschen, ein Kampf aller gegen alle beginnen und ein allen Ausgleich ablehnender Islamismus Auftrieb bekommen. Eine düstere Vision.
Von 1998 an war Michael Stürmer Chefkorrespondent für WELT und WELT AM SONNTAG. Als Abgesandter aus der Welt der Wissenschaft hatte er eine Sonderstellung inne. Er besaß Autorität, strich seine Expertise aber nicht heraus. Michael Stürmer hatte ein großes Institut geleitet, institutioneller Prunk war ihm nicht fremd gewesen. In der Redaktion, in der das Sparen Diktat war, gab er sich mit einem geradezu winzigen Zimmer zufrieden. Allenfalls durch leichten Spott ließ er erkennen, dass er Anderes gewohnt war.
Die Krise der Zeitungen, der papiernen Schlachtschiffe des Caféhauszeitalters, bekümmerte ihn. Die steten Anläufe, die Zeitung digital zu erneuern, verfolgte er mit Interesse, zweifelnd, aber ohne Herablassung. Und die überspannten Tollheiten, die so oft ein verlässlicher Begleiter von Umbruchs- und Umwälzungsprozessen sind, ließ er abgeklärt und manchmal ein wenig müde über sich ergehen.
Er war dem Leben zugewandt. Eine seiner Lieben galt schönen Möbeln. Er hat viel darüber, über den Herbst des alten Handwerks und über die „märchenhafte Unwirklichkeit der Hofkultur“ geschrieben. Michael Stürmer mochte den Umgang mit Metaphern aus dem gesellschaftlichen Leben und dem Spiel. Als in der Zeit des Kalten Krieges Westen und Osten an einer Eindämmung der deutschen Frage interessiert waren, stellte er listig fest, dass beide Seiten doch nie frei waren von der „Versuchung, im weltpolitischen Schach den eigenen deutschen Bauern in eine Dame zu verwandeln“.
Michael Stürmer, zweimal verheiratet, hinterlässt vier Kinder. Er mochte die schönen Dinge, und er beherrschte die Kunst der eleganten, manchmal leicht flunkernden Dinner Speech. Er mochte schnelle Autos und elegante, manchmal bewusst etwas nachlässige Kleidung, das Einstecktuch eingeschlossen.
Bis ins Alter hatte er eine jungenhafte Ausstrahlung. Er war auf eine leicht distanzierte und dennoch zugewandte Weise gegenwärtig. Ein einnehmender, charmanter Mensch. Er strahlte eine lebenskluge Leichtigkeit aus.
Dass er vom selbstgerechten Fortschrittslager als rückwärtsgewandt oder gar reaktionär abgetan wurde, hat Michael Stürmer vermutlich gekränkt und verletzt. Er hat sich das aber – von gelegentlichen Spitzen abgesehen – nicht anmerken lassen. Da war er sich seiner selbst und der historischen Panoramen, die er souverän überblickte, dann doch zu sicher.
Für die unter verknöcherten EU-Enthusiasten verbreitete Überhöhung der deutsch-französischen Beziehungen hatte Michael Stürmer nur milden Spott übrig. Über diese allseits gefeierte Partnerschaft schrieb er: „In dieser Ehe allerdings geht es nach der Melodie jenes schönen Chansons, das von zwei Träumen im selben Bett singt: Deux rêves dans un seul lit.“
Thomas Schmid war Chefredakteur und Herausgeber der WELT.