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Berlin/Dortmund – Für ihn ist Friedrich Merz nicht nur „der Bundeskanzler“, sondern ein alter Jugendfreund: Fußball-Funktionär Hans-Joachim „Aki“ Watzke, Präsident von Borussia Dortmund, machte in der Jungen Union Politik-Bekanntschaften fürs Leben. Nun zählt er nicht nur zu den erfolgreichsten Sport-Managern des Landes, sondern auch zu den besten Politik-Kennern Deutschlands.

Im Podcast-Interview mit BILD-Vize Paul Ronzheimer spricht Watzke über die Regierungskrise, das Problem seiner CDU – und seinen alten Freund Friedrich Merz.

„Friedrich war immer schon sehr selbstbewusst“

Das sagte Aki Watzke über …

… sein Kennenlernen mit Friedrich Merz: „Ich habe mit 16, 17 Jahren das erste Mal so in die Junge Union reingeschnuppert. Da war er dann schon über 20. Er war nah zwei Meter groß und so hatte ich immer das Gefühl, dass er den anderen überlegen war, weil er das einfach auch ein bisschen ausgestrahlt hat.“

… wie der junge Merz tickte: „Friedrich war immer schon sehr selbstbewusst, immer schon rhetorisch sehr stark. Er hat auch damals immer schon in jungen Jahren – natürlich noch viel mehr als heute – zugespitzt formuliert. Damals wurde das aber noch mehr goutiert als heute. Heute wird ja versucht, aus jeder Zuspitzung, die du einmal gemacht hast, dir sofort einen Strick zu drehen.“

… warum der Kanzler polarisiert: „Der typische Sauerländer meint das so, wie er es sagt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, wie es dann beim Rest der Bevölkerung ankommt. Und das hat mir bei ihm immer sehr imponiert und das (...) fällt ihm auf die Füße, weil er das einfach so beibehalten hat.“

… welche Themen sie damals diskutierten: „Das sind die Themen, die wir heute haben. (…) Wir wollten immer den Mittelstand stärken und wir wollen die Bürokratie abbauen. Das hat 50 Jahre großartig geklappt (lacht). Da ist nämlich gar nichts passiert. Und das muss man sagen: Es ist ja schlimmer geworden. Insofern sind unsere politischen Zielsetzungen, was das angeht, ehrlicherweise gescheitert.“

… ihre Freundschaft: „Das ist nicht so eng, wie das vielleicht in der Öffentlichkeit dargestellt wird, dass wir jeden zweiten Tag miteinander telefonieren. Aber wir haben eben seit knapp 50 Jahren ein sehr belastbares Verhältnis, weil wir aus Nachbargemeinden kommen, weil unsere Väter schon gemeinsam Politik gemacht haben.“

„Als er Bundeskanzler wurde, habe ich ihm gesagt …“

… wie die Kanzlerschaft ihre Freundschaft verändert hat: „Als er Bundeskanzler wurde, habe ich ihm gesagt: Friedrich, ich werde dich jetzt nicht mehr anrufen. Ich weiß, was das für ein Mörderjob ist. Das ist der schlimmste Job für mich, den man in Deutschland zu vergeben hat (...). Und also, wenn irgendwie Kontakt gewünscht wird, dann musst du ihn herstellen, ich habe zu viel Respekt vor diesem Amt.“

… die schlechten Beliebtheitswerte des Kanzlers: „Manchmal ist das auch irrational. Ich zum Beispiel wundere mich immer darüber, was der Boris Pistorius für Werte hat, obwohl ich den eigentlich gar nicht so wahrnehme. Ich finde ihn auch persönlich sehr nett und ich habe öfter mit ihm telefoniert – alles angenehm. Aber in der richtigen Politik lese ich eigentlich wenig und ich sehe auch ehrlich gesagt nicht so viel, was dramatisch dazu geführt hätte, dass er solche Werte kriegt. Aber vielleicht ist das auch einfach so, wie die Menschen das empfinden. Vielleicht hat Friedrich auch das Problem mit seinen 1,98 – da wirkst du natürlich grundsätzlich ein bisschen von oben herab.“

… Merz’ größte Stärke: „Ich glaube, dass er sehr analytisch ist und er in seiner Art authentisch ist, auch in seiner rhetorischen Art – aber dass er vielleicht manchmal mit dem Zeitgeist kollidiert.“

… das Verhältnis von Kanzler Merz und NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst: „Der Bundeskanzler und der Ministerpräsident von NRW haben Schnittmengen, aber auch Dinge, die sie trennen. (...). Aber ich habe noch nie erlebt, dass Hendrik im Kleineren oder auch im Privaten gegen Friedrich Merz gestänkert hätte. (...). Also ich glaube, dass das Verhältnis zwischen Merz und Wüst durchaus in Ordnung ist.“

„Die CDU ist jetzt auf Gedeih und Verderb an die SPD gekettet“

… das Problem der CDU: „Wenn du das ein bisschen analytisch verfolgt hast, dann wusstest du, die CDU ist jetzt auf Gedeih und Verderb an die SPD gekettet. Und das Unglückliche daran ist auch noch, dass die SPD das natürlich auch gemerkt hat. (...) Und die haben das natürlich ausgenutzt. So funktioniert ja Politik. (...) Und deshalb war das schon ein Riesenballast für Friedrich Merz.“

… ob Merz der Richtige für die Reformen ist: „Ja, hundertprozentig. Ich glaube, dass er die Erfahrung hat und auch das Know-how hat. Aber am Ende des Tages müssen da auch andere mitmachen.“

„Von der linken Seite verkündet, dass bestimmte Sachen nicht gesagt werden dürfen“

… die Unterschiede zwischen CDU und SPD: „Ich habe das Gefühl: Wenn die CDU und die SPD über Reformen sprechen, dass die über völlig verschiedene Dinge sprechen. Ich habe nicht das Gefühl, dass es da einen großen gemeinsamen Nenner gibt.“

… deutsche Debatten: „Es ist ja immer so in Deutschland, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung von der linken Seite per Dogma verkündet, dass bestimmte Sachen nicht gesagt werden dürfen. Das mit dem Stadtbild zum Beispiel, (...) das war nicht rassistisch gemeint. Aber jeder, der mit offenen Augen mal durch die Städte läuft, der sieht, dass es sich verändert hat. Und wer das nicht sieht, der will es nicht sehen.“

„Viele haben das Gefühl, dass sie ihre Kultur verteidigen müssen“

… das große Bürokratie-Problem: „Wenn du ein gewisses Maß an Verwaltung und an Bürokratie erstmal hast, ist sie stärker als du. Das ist wie eine Krake, die dich dann immer weiter umschlingt, und du musst sehen, dass du überhaupt noch ein bisschen Luft kriegst – und das ist ein Desaster.“

… warum die Migration vielen Menschen Angst macht: „Jetzt haben wir einfach eine Situation, dass viele einfach das Gefühl haben, dass sie ihre Kultur verteidigen müssen (...). Ich bin kein Migrationsforscher. Ich weiß aber, dass es da ein Störgefühl gibt. Und dieses Störgefühl, das kommt der AfD zugute. (...). Das Ruhrgebiet trägt ja zum Beispiel einen großen Teil des Migrationsdrucks (...). Und dann hast du natürlich die Probleme, die daraus auch in der Gesellschaft entstehen. Nämlich zum Beispiel der Kampf um Wohnraum.“

… seine eigenen Fehler: „Diejenigen, die nicht bereit waren, sich impfen zu lassen (gegen Corona, d. Red.), die waren schon einem sehr starken sozialen Druck ausgesetzt. Ich muss ganz ehrlich sagen, da mache ich auch Mea Culpa. Ich habe das auch so gesehen. Ich habe die auch einem gewissen Druck ausgesetzt. (...). Ich habe in der Öffentlichkeit, wenn ich mit vielen diskutiert habe, mich auch immer pro Impfen ausgesprochen und sage heute: Vielleicht war ich da auch ein bisschen übergriffig.“