Bund zieht sich aus KI-Partnerschaft mit Mistral und SAP zurück
Eigentlich sollte die Zusammenarbeit Europas digitale Souveränität stärken und die Abhängigkeit von US-Techkonzernen verringern. Doch aus den großen Plänen wird vorerst nichts. Warum steuert Berlin zurück?
Die Bundesregierung zieht sich aus einer geplanten Partnerschaft mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral und dem deutschen Softwarekonzern SAP zurück. Eigentlich sollte die Kooperation zu einem Vorzeigeprojekt für souveräne Künstliche Intelligenz in Europas Verwaltungen werden.
Ein Sprecher des Bundesdigitalministeriums bestätigt dem Pro-Newsletter „Technologie & KI“ des Nachrichtenmagazins „Politico“, dass die geplante Zusammenarbeit nun „eigenständig von den Unternehmen weiterentwickelt“ werde. Es gebe derzeit „seitens des Bundes keine Beschaffungsvorhaben“ bei Mistral. Der ursprünglich geplante Rahmenvertrag mit dem Bund ist damit vorerst vom Tisch.
Pro-Newsletter „Technologie & KI“ des Nachrichtenmagazins „Politico“Das ist eine bemerkenswerte Kehrtwende. Noch im November 2025 hatten Deutschland und Frankreich eine strategische öffentlich-private Partnerschaft mit Mistral und SAP angekündigt. Geplant waren unter anderem eine souveräne KI-gestützte Verwaltungssoftware, digitale Agenten für Behörden sowie gemeinsame KI-Innovationslabore.
Die politischen Ambitionen waren groß. Frankreichs Digitalministerin Anne Le Hénanff sprach damals davon, mit der Partnerschaft „ein neues Kapitel aufzuschlagen“. Ihr deutscher Amtskollege Karsten Wildberger sagte, die Zusammenarbeit zeige, dass Europa „über die notwendigen Fähigkeiten verfügt, eine souveräne digitale Verwaltung aufzubauen“.
Zu den Gründen für den Rückzug wollten sich weder die Bundesregierung noch Mistral äußern. Auch SAP machte zu laufenden Gesprächen und zur weiteren Ausgestaltung bestehender Vereinbarungen keine Angaben. Eine Sprecherin betont jedoch, die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen bleibe unverändert: „SAP und Mistral arbeiten weiterhin gemeinsam an souveränen KI-Lösungen.“
Warum der Rückzug?
Für den Kurswechsel könnte es mehrere Erklärungen geben.
Eine davon ist die wachsende Konkurrenz. Mit dem Zusammenschluss des deutschen KI-Unternehmens Aleph Alpha und der kanadischen Firma Cohere formiert sich ein weiterer Anbieter, der mit souveränen KI-Lösungen auf den öffentlichen Sektor in Deutschland zielt. Gemeint sind Lösungen, die Abhängigkeiten von ausländischen Techkonzernen verringern sollen. Digitalminister Wildberger hat die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen wiederholt hervorgehoben. Erst vor wenigen Tagen stellte Aleph Alpha zudem sein neues Modell Kolibri vor.
Auch Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Mistral könnten eine Rolle spielen. Christian Kroll, Chef der in Berlin ansässigen Suchmaschine Ecosia, sagte zuletzt im Interview mit „Politico“, sein Unternehmen trenne sich von Mistral, nachdem es erst wenige Monate zuvor von OpenAI zu dem französischen Anbieter gewechselt war.
„Wir sind von der Qualität von Mistral enttäuscht“
„Wir sind von der Qualität von Mistral enttäuscht“, sagte Kroll. Die derzeit verfügbaren Modelle seien inzwischen „ein Jahr hinter“ der Konkurrenz. Hinzu seien wiederkehrende technische Probleme gekommen, darunter überlastete Server. „Wir waren schlicht ein zu großer Kunde für Mistral“, sagte Kroll.
Ecosia setzt nun auf andere Open-Source-Modelle, darunter auch von chinesischen Anbietern. Das bedeutet: Die Modelle sind frei zugänglich und können von Unternehmen selbst betrieben und angepasst werden. Durch den Wechsel habe man die Kosten „in etwa halbiert und gleichzeitig Qualität und Leistung verbessert“, sagte Kroll.
Mistral weist die Kritik zurück. Auf Nachfrage von „Politico“ bei einer Pressekonferenz verwies Mitgründer Guillaume Lample auf das neue Modell des Unternehmens. Er empfahl Ecosia, es zu testen, und bot einen vorzeitigen Zugang an. Wettbewerbsfähige Modelle zu entwickeln brauche Zeit, Mistral mache jedoch „exponentielle“ Fortschritte.
Mit Large 4 will Mistral nun zeigen, dass Europa im KI-Wettlauf mithalten kann. Das am Dienstag vorgestellte Modell kommt auf eine Billion Parameter und ist damit ein sehr großes KI-Modell. Doch unabhängige Tests dämpfen die Erwartungen: Während Large 4 bei einzelnen Aufgaben stark abschneidet, liegt es im gesamten Vergleich hinter Spitzenmodellen von OpenAI, Anthropic und chinesischen Anbietern wie Kimi.
Auch der KI-Forscher und Professor an der Technischen Hochschule Aachen, Holger Hoos, kommt zu einem zurückhaltenden Urteil. Nach dem derzeitigen Kenntnisstand sei das neue Modell „grundsolide, aber keineswegs bahnbrechend“, sagt er zu „Politico“.
Europäisch, aber auch souverän?
Für Behörden dürfte allerdings noch eine weitere Frage entscheidend sein: Wie unabhängig von amerikanischen Tech-Konzernen ist Mistral tatsächlich?
Das französische Unternehmen positioniert sich als souveräne europäische Alternative zu amerikanischen und chinesischen KI-Anbietern. „Ob Mistral dieses Versprechen einlöst, das ist mir immer noch nicht klar“, sagt Hoos.
Entscheidend ist für ihn dabei die technische Infrastruktur. Mistral gibt an, das neue Modell in eigenen Rechenzentren in Europa trainiert zu haben. Doch ein Rechenzentrum in Europa macht ein Unternehmen noch nicht automatisch europäisch souverän. Entscheidend sei auch, wer die zugrunde liegende Infrastruktur kontrolliert, über welche Cloud-Dienste die Modelle betrieben werden und wer potenziell Zugriff auf die dort verarbeiteten Daten hat.
Genau hier kommt Microsoft ins Spiel. Mistral arbeitet eng mit dem US-Konzern zusammen: erst vor wenigen Monaten kündigten beide Unternehmen einen milliardenschweren Deal an. Auf Nachfragen zu weiteren Details zur Infrastruktur hinter seinen Modellen antwortete Mistral nicht.
„Ein Unternehmen, das so eng mit einem der großen amerikanischen Tech-Konzerne zusammenarbeitet, muss sich auch gefallen lassen, dass man da genauer hinguckt“, sagt Hoos zu „Politico“.
Dieser Bericht kommt aus dem Pro Newsletter Technologie & KI von „Politico“. Für mehr Insights aus der Digitalpolitik immer wochentags um 6 Uhr können Sie sich hier anmelden.
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