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Kathmandu/Trishuli – Vier Tage nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher: Die Zahl der Todesopfer ist allein in Nepal bis Samstagmorgen auf 626 gestiegen. 2426 Menschen werden laut Katastrophenschutzbehörde noch vermisst. China meldete bisher sieben Todesopfer und 554 Vermisste in Tibet. BILD ist vor Ort, spricht mit den Menschen.

Der Geschäftsmann Rishi Pyakurel (50), der im Dorf Gerkhu im Bidur-Distrikt als eine Art Bürgermeister gilt, telefoniert seit Tagen fast ununterbrochen mit der Polizei und versucht, Vermisste über ihre Handys zu orten. Darunter sind auch seine eigene Schwester, ihr Mann, ihr Sohn und dessen Ehefrau. Sie lebten in Trishuli Bazar, einem der Orte, die von der Flut besonders hart getroffen wurden. „Ich habe über 140 meiner Leute im Dorf verloren“, sagt Pyakurel.

„Es ist niemand mehr zum Weinen da“

Die Katastrophe habe nicht nur Häuser zerstört, sondern ganze Familien ausgelöscht. „Es ist niemand mehr zum Weinen da“, sagt der 50‑Jährige. Während er auf Nachrichten von seinen Angehörigen wartet, erlebt er täglich die Folgen der Katastrophe. Am Trishuli-Fluss lägen noch immer Leichen am Ufer, erzählt er. „Überall riecht es nach Verwesung.“ Viele Tote seien bislang nicht geborgen worden.

Nach seinen Angaben hatte es Warnungen vor der Sturzflut gegeben. Dennoch hätten viele Menschen zunächst versucht, ihre Häuser zu sichern oder Wertgegenstände mitzunehmen. „Es wurde vor der Sturzflut gewarnt, doch viele Menschen haben erstmal Sachen gepackt, ihre Wertsachen geholt und wurden dann in den Tod mitgerissen“, sagt er.

Andere wiederum hätten die Gefahr unterschätzt. Während das Wasser stieg, machten einige noch Fotos und Selfies. „Manche machten Selfies, wie das Wasser stieg. Aber dann kam die Flut.“ Nach seiner Erinnerung türmten sich die Wassermassen stellenweise 20 bis 30 Meter über dem Flussbett auf. „Es hat alles und jeden mitgerissen.“

Familien fliehen in die Berge

Während in den Tälern noch nach Vermissten gesucht wird, fürchten viele Menschen bereits die nächste Katastrophe. Die Behörden warnen vor weiteren Sturzfluten, weil der Subrubisi Lake auf chinesischer Seite überzulaufen droht. Der See liegt rund zweieinhalb Autostunden von Trishuli entfernt.

Aus Angst verlassen deshalb viele Familien ihre Häuser und suchen Schutz in höher gelegenen Gebieten. Auf Bergkuppen, an Straßenrändern und in den Wäldern oberhalb der Täler sitzen Menschen und warten ab, wie sich die Lage entwickelt. Zu ihnen gehört auch der Tierarzt Dr. Rajchardan Rey (32), der gemeinsam mit seiner Frau (28) und seiner dreijährigen Tochter auf einem Moped in die Berge geflüchtet ist.

„Wir sind heute nach der Warnung sofort los“, sagt Rey. „Wir haben nur eine Decke und einen kleinen Rucksack dabei. Wir wissen nicht, wo wir die Nacht verbringen sollen.“ Besondere Sorgen macht ihm die Versorgung seiner Tochter. „Es fehlt Essen, es fehlt Trinken. Wir bekommen hier keine Hilfe. Unsere Tochter muss essen, aber wir haben nichts – wie alle anderen auch.“

Die Lebenden haben Vorrang

Die Armee setzt derzeit Hubschrauber ein, um Verletzte und Überlebende aus den betroffenen Gebieten zu holen. Tote werden nach Angaben der Menschen vor Ort bislang noch nicht geborgen. Weil zudem immer wieder starker Regen einsetzt, werden die Rettungsflüge zusätzlich erschwert.

Während Einsatzkräfte weiter nach Überlebenden suchen und Angehörige Vermisstenlisten durchgehen, warten viele Menschen in den Bergen darauf, dass keine neue Flutwelle kommt. Für andere geht es inzwischen nur noch um die Hoffnung, überhaupt Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen zu bekommen.