Bloß keine Angst vor Virginia Woolf
Ganzjahresreifen – das kommt als Einstieg in eine Geschichte, in der es um Virginia Woolf und Tina Gharavis Verfilmung ihres zweiten Romans „Night and Day“ gehen soll, möglicherweise überraschend. Ganzjahresreifen haben ja den Ruf, zwar für alles gedacht zu sein, was einem Reifen so zustoßen kann, und es allen Untergründen und Straßenbeschaffenheiten recht machen zu sollen, aber für nichts richtig zu taugen. „Virginia Woolf’s Night & Day“ (der Film heißt tatsächlich auch im englischen Original so) ist sozusagen ein All-Season-Pneu fürs Kino. Taugt für so ziemlich alles.
Er ist klassische RomCom und damit perfekte Winterware (Menschen verlieben sich, die das nie von sich dachten, Weihnachten kommt vor und ganz viel Familie) und perfekt fürs Freiluftkino unterm Sternenhimmel (Katherine „Kit“ Hilbery, um die sich alles in dieser wie Sternenstaub vorbeiflitternden Geschichte dreht, will Astronomin werden, berechnet die Entfernungen im All, einmal huscht am Himmel der Halleysche Komet vorbei).
Ist Historiendrama und Entwicklungsroman, Tragikomödie vom allmählichen Untergang eines patriarchalen Systems und Komödie einer weiblichen Selbstermächtigung, einer Widerspenstigen Zähmung, eine Geschichte über Angst und Wahrheit, Versteckspiel der Identitäten und elegante, fast elegische Eloge auf das Unberechenbarste, Rätselhafteste, das Befreiendste im Leben, was in Kit Hilberys von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit korsettierten Hirn nicht vorkommt – die Liebe.
Aber jetzt sind wir eigentlich schon mindestens eine Radumdrehung zu weit gerollt. Zurück zu Katherine. Wir schreiben das Jahr 1910. Da schwimmt, ganz bei sich und beschienen von Andromeda, den Perseiden und dem Großen Wagen, die nicht mehr ganz junge Tochter ziemlich alter Eltern im Hampstead Pond. Die Bilder sehen aus wie nachkoloriert. Katherines Wangen sind derart rosig, dass sich Kardiologen sofort Sorgen um sie machen. Liegt aber daran, dass Katherine ein Leben führt wie auf der Flucht. Sie will studieren, in Cambridge am besten. Physik erst, dann Astronomie. Unbedingt will sie das. Haley Bennett kann herrlich verstockt sein, gleichzeitig verhuscht und kindlich und stolz und stark.
Elefanten im Raum
Manisch schreibt sie Zahlen auf, berechnet die fernsten Fernen, starrt mit dem Teleskop aufs Firmament und hat den Blick verloren für die Nähe und ihre Nächsten. Wer jetzt schon tief einatmet ob der angedeuteten Offensichtlichkeit der Metaphernmechanik in diesem Film, tut recht daran. Es stehen derart viele Elefanten in den schönen Räumen der Hilberys, dass es schon ein nicht geringes Wunder ist, wie leichtfüßig der Plot mit seinem vollen Themengepäck auf dem Rücken zwischen ihnen herumtänzelt.
Studieren darf Katherine natürlich nicht. Die Welt, die noch immer feststeckt im alten Jahrhundert, ist dagegen. Das Wissenschaftssystem (Katherine Hilbery ist die Schwester im Geiste jener Grete, die sich in Ildiko Enyedis „Silent Friend“ 1908 einem Verhör von Forschern unterziehen muss, das fast wörtlich jenem von Katherine ähnelt, bevor sie als eine der ersten Frauen Botanik studieren darf). Der Vater ist dagegen. Timothy Spall spielt ihn. Und er ist großartig. Man sieht in seinem Gesicht, in seinen panischen Augen genau, dass er weiß, dass seine Zeit abgelaufen ist (dass er auch noch Uhren reparieren muss, ist vielleicht das untersubtilste Rädchen in der erwähnten Metaphernmechanik).
Heiraten soll sie, sagt der Vater. Vielleicht William, der sich darauf beruft, vom Eroberer abzustammen, aber ein furchtbarer Trottel und noch furchtbarerer Dichter ist. Der schleppt sie in den Maschinenraum des Feminismus, in eine Fabrik, in der sich die Suffragetten zur Befreiung der Frauen von den Fesseln der Männer zusammentun (auch Virginia Woolf sitzt da gelegentlich herum).
Katherine, die sich in Anzug und Krawatte in die Royal Astronomical Society setzt und sich als „Kit“ Hilbery für Cambridge bewirbt, bleibt auch da erst einmal ein Fremdkörper, weil sie sich in ihrer radikalen Selbstbezogenheit zwar für ihr Recht, aber nicht wirklich für die Rechte der Frauen interessiert. Fremd bleibt ihr auch Cyril, der Lieblingscousin. Der leiht ihr seine Anzüge, muss sich von ihr aber abkanzeln lassen für seine vermeintlich leichthändige Lust aufs Leben und die Liebe – er stirbt auch über ihre Fremdkörperhaftigkeit an gebrochenem Herzen, nachdem sein homophober Vater Cyrils Schwulsein vor versammelter Familie öffentlich gemacht hat. Kit hatte, bekanntermaßen blind vom Blick ins All, von seiner Queerness keine Ahnung.
Die Augen fürs Unmittelbare und für die Tatsache, dass Männer nicht zwangsläufig und nicht endgültig Frauen den Weg zu sich selbst verstellen müssen, öffnet Kit das Beispiel ihrer Mutter. Die ist die Tochter eines großen Schriftstellers und hat sich im Verfassen seiner Biografie ungefähr so verrannt wie Kit im Vermessen der Sterne.
Aus der Misere gerettet wird sie von Ralph. Der ist Deutscher mit persischer Herkunft. Und Kits Vater hat ihn als Lektor eigentlich eingestellt, damit er das sich abzeichnende Desaster möglichst rasch beendet. Leider verliebt er sich in das Manuskript. „Der Elefant im Raum“ heißt das Werk dann schließlich. Alle sind glücklich damit. Und Kit und Ralph werden glücklich darüber.
Natürlich weiß man – der größte Elefant im Genreraum von „Night and Day“ ist die gute, alte romantische Komödie –, wie es mit den beiden werden wird, kaum sind sie sich in all ihrer Fremdheit auf dem Dach der Suffragetten begegnet, das, was aus ihnen werden wird. Aber gerade weil sich Tina Gharavi für ihren Anderthalbstünder von Jenny Waddell so viele schöne Nebenplots aus Woolfs ziemlich dickleibigem Roman hat herausschneiden lassen, verlieren sie sich und wir sie gern aus den Augen, bevor das Unvermeidliche dann überraschend klischeefrei eintritt.
Freuen wir uns auf Weihnachten
Elyas M’Bareks Anwesenheit im Cast verdankt sich (wie die Dreharbeiten in Nordrhein-Westfalen) übrigens mutmaßlich vor allem den schönen deutschen Fördergeldern. Aber er tut halt auch Dinge, die nur Elyas M’Barek so elegant und kitscharm tun kann.
So sitzt man da und schaut und starrt, wenn einen die Mücken im Open-Air-Kino in Ruhe lassen, am Ende glücklich auf zu den Sternen. Und freut sich auf Weihnachten, wenn man Kit und Ralph und Cyril daheim im Wohnzimmer streamen kann.