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Houston (Texas) – Deutschland mitten in Texas! In einem Kellerraum sitzen neun Männer in Deutschland-Trikots und Tracht, spielen Skat und singen deutsche Volkslieder, und jede Chorprobe wird mit einer 20-minütigen Bierpause unterbrochen. Willkommen beim „Houston Saengerbund“ – dem ältesten Verein der Millionenmetropole Houston (2,3 Mio. Einwohner), in der am Sonntag das erste WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft steigt.

Dass sich hier bis heute deutsche Traditionen halten, ist kein Zufall. Etwa 44 Millionen Amerikaner haben deutsche Vorfahren – mehr als jede andere Einwanderergruppe. 1845 entstand der Plan, in Texas eine deutsche Kolonie aufzubauen. Das Versprechen: a land of milk and honey – ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Allein in der ersten Auswanderungswelle kamen so rund 10.000 Deutsche. Auch die Familie von Rodney König (85) aus Norddeutschland. „Sie haben nicht immer das bekommen, was ihnen versprochen wurde – aber sie haben hart gearbeitet“, erzählt Rodney, der im „Saengerbund“ aktiv ist. Und weiter: „Wir haben immer Deutsch gesprochen zu Hause. Ich kann ziemlich gut verstehen.“ „Nur gut Skat spielt er nicht“, wirft Horst Gebert (88) ein. Er stellt sich vor: „Ich bin alt, aber nicht wackelig.“ „Er ist der Skatchampion. Und er ist der Fußballchampion“, unterbricht Elmy Biermanns (68) und deutet auf Horst.

Schalke-Fan Horst

Horst stammt aus Gelsenkirchen und ist im „Houston Saengerbund“ eine Legende. 1965 wanderte er mit seiner Frau in die USA aus, nachdem ihm ein Freund einen Job als Friseur vermittelt hatte. Drei Jahre später trat er dem Verein bei. „Vor allem, weil die eine Fußballmannschaft hatten“, erzählt Horst, der damals als Rechtsverteidiger spielte. 1970 reiste er als Fan sogar zur Weltmeisterschaft nach Mexiko. Die Eintrittspreise von damals wirken heute wie aus einer anderen Welt: „Sechs Dollar pro Deutschland-Spiel.“

Den Friseursalon hat er längst verkauft, doch ganz aufhören will er nicht. Noch immer schneidet er einigen Stammkunden die Haare. Eine Kundin begleitet ihn sogar seit der Eröffnung seines eigenen Salons im Jahr 1972. Und Schalke? Das verfolgt er weiterhin leidenschaftlich. Für Spiele seines Herzensvereins steht er auch heute noch früh auf.

Große Liebe beim Line-Dancing kennengelernt

Die Geschichten im „Saengerbund“ unterscheiden sich, aber der Anfang klingt oft ähnlich: ein Jobangebot, ein Koffer und der Schritt in ein neues Leben. Bei Bernd Schlichter (56) aus Stuttgart war das 1995. Er kam zum Arbeiten – und blieb für die Liebe. Noch im selben Jahr lernte er seine Lisa (62) kennen. „Es war beim Line-Dancing. Ich konnte tanzen, er nicht“, erzählt Lisa. „Beim Line-Dancing ist es wichtig, dass sich alle synchron bewegen. Er ist immer kreuz und quer.“ Irgendwann ist sie auf die Toilette gegangen, „und als ich zurückkam, saß er auf meinem Platz und hat mein Bier getrunken“. Schon 1996 heirateten die beiden. Lisa nahm Bernds Nachnamen an, brachte sich selbst Deutsch bei und verliebte sich auch in die deutsche Kultur. „Ich möchte bald wieder hin. Entweder vor Weihnachten für die Weihnachtsmärkte oder zu Fasching!“, sagt sie zu BILD. Doch eine komplette Rückkehr nach Deutschland kommt nicht infrage: „Wir haben mittlerweile drei Kinder und drei Enkelkinder hier. Ich bin schon zu lange hier“, sagt Bernd.

Völkerverständigung fördern

Welche Rolle spielt ein deutscher Gesangsverein im Texas des Jahres 2026 noch? „Die Deutschen haben sich in den USA sehr stark eingegliedert. Deshalb droht die Kultur auszusterben“, sagt Vorstandsmitglied Christean Kapp (65). Der Verein verstehe sich deshalb als Kunst- und Kulturzentrum. Rund 80 aktive Mitglieder zählt der Chor aktuell. „Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen Europa und den USA fördern. Heute wahrscheinlich mehr als jemals zuvor. Wir wollen einen positiven Einfluss auf die Völkerverständigung haben“, sagt Kapp. Vielleicht beginnt sie genau hier: bei einem Skatspiel, einer Chorprobe und bei Menschen, die längst Amerikaner sind – Deutschland aber trotzdem nie ganz losgelassen haben.