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Auch an der Bar ist es fünf vor zwölf

· Culture

Die klassische Bar mixt trockene Cocktails und bietet Platz für zwei Sorten Mensch am langen Tresen: Da wäre der gesellige Typ, der mit Freunden feiert oder jemanden Neues kennenlernen möchte. Und da wäre der einsame Typ, der allein mit seinem Glas Trübsal blasen will und gegen alle Wahrscheinlichkeit am Ende doch jemand kennenlernen wird. So läuft das jedenfalls im Film.

„Goodbye Sadness“ – das Gefühl beim Betreten einer Bar – und „Hello Sadness“ – das Gefühl bei der Rückkehr in die Realität –, so ist es auf den beiden Neonschriften zu lesen, die den langen Tresen in Friedrich Kunaths Bar flankieren. Sie ist halb „American“, halb „Italiano“. Kunath, geboren 1974 in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt), ist allerdings kein Barkeeper, sondern bildender Künstler. Seit 2007 lebt er in Kalifornien, wo er, unter anderem, für italienische Musik schwärmt. Seine private Bar namens „Va Bene“ (italienisch so viel wie: In Ordnung! Passt schon!) ist in seinem Atelier in Los Angeles installiert; Gäste sollen über eine Metallstange hineinrutschen können wie Feuerwehrleute in der Wache.

Jetzt hat Kunath seine Bar in der Pace Gallery in Berlin repliziert. Wie jede klassische Bar darf man auch sie als atmosphärisch gestalteten Raum verstehen, in dem einander bekannte oder fremde Menschen sich mit musikalischer Begleitung und alkoholischen Getränken in zunehmend weniger nüchterne Gespräche auf Zeit verwickeln. In Los Angeles sei sie aus der Not geboren, erzählt Kunath, während die Berliner Bar beim Besuch kurz vor der Eröffnung noch zusammengeschraubt wird.

Speakeasy für romantische Europäer

Los Angeles sei ein unglaublich guter Platz, um künstlerisch konzentriert zu arbeiten, gleichzeitig sei man aber auch ziemlich isoliert, weil es keine große Community gibt und nur wenige Orte, „wo man Ideen austauscht, wo man Dinge diskutiert“. Als „romantischer Europäer“ habe Kunath diese soziale Komponente des Künstlerseins vermisst. Und weil sein Atelier nicht nur eine pragmatische Produktionsmaschine sei, kam ihm die Idee mit der Bar: „Trinken im Widerspruch, Reden im Widerspruch. Auch über den Widerspruch reden.“ Ein Speakeasy im Atelier sozusagen. Ungezwungen, behaglich, ein „Safe Space“. Das gefällt ihm – und auch den Sammlern, die ihn dort besuchen. Va bene!

So heißt auch ein Song von dem italienischen Cantautore Vasco Rossi aus dem Jahr 1984, ein schwermütiges Liebeslied, ein Lamento über männliches Selbstmitleid. Es wurde zur Inspiration für Kunaths Bar, die in den kommenden Wochen für das Berliner Publikum geöffnet hat. Besucher müssen zwar nicht über eine Feuerwehrstange hineinrutschen, aber die Bar doch erst einmal finden.

Die Pace Gallery verbirgt sich in Berlin-Schöneberg hinter einer weiß getünchten Mauer und einem Eingangstor, im Schatten der U-Bahn, die hier oberirdisch vorbeirattert. Hat man diese Hemmschwelle überwunden, steht man plötzlich unter dem Vordach einer Tankstelle aus den 1950er-Jahren, wundert sich über die dicken goldenen Karpfen, die in einem im Boden eingelassenen Becken schwimmen, und über den verwunschenen Garten mit Bambussträuchern und Voliere. Zur Bar muss man dann noch mal links abbiegen.

Am Rande des Grundstücks, das dem Galeristen Juerg Judin gehört, befindet sich hinter Industrieglaspaneelen nämlich ein zweigeschossiger Galerieanbau, den sich Judin mit der Pace Gallery teilt. Abwechselnd machen sie dort Ausstellungen. Jetzt ist Pace an der Reihe mit der Gruppenausstellung „Goodbye Sadness, Hello Sadness“, deren Herzstück Friedrich Kunaths Bar-Installation ist.

Der Titel der Schau wäre derzeit auch als Motto für das amerikanische Unternehmen nicht falsch gewählt. Die Pace Gallery gehört zu den großen Häusern der Branche, zu den international agierenden Megagalerien. Aber auch in der kommerziellen Kunstwelt ist die Wirtschaftskrise angekommen. Davon können die astronomischen Zahlen in den „Sales Reports“ der großen Kunstmessen nicht ablenken. Der Kunstmarkt hat eine Delle, das berichten regelmäßig auch die Marktanalysen etwa der Art Basel. Und die „New York Times“ schockierte die Branche vor Kurzem mit der Nachricht, dass Pace rund 50 Stellen und etwa 50 Künstler aus dem Programm streicht.

Womöglich ist es eine Gesundschrumpfung. Schließlich bleiben immer noch rund 80 künstlerische Positionen und etwa 200 Mitarbeiter übrig. Marc Glimcher, CEO der Pace Gallery mit Hauptsitz in New York, rahmt den Schritt jedenfalls als Korrektur eines Systems, das „zu groß, zu kommerziell, zu unpersönlich und zu corporate“ geworden sei. Glimcher, der das Unternehmen 2010 von seinem Vater Arne übernahm, der es wiederum in den 1960er-Jahren gegründet hatte, korrigiert damit auch seinen eigenen Expansionskurs der vergangenen Jahre.

Unter seiner Ägide wurden Dependancen in Palo Alto, Seoul, Tokio und Hongkong eröffnet – und manche schon wieder geschlossen. Er gründete ein Start-up für immersive Kunsterlebnisse namens Superblue, zog sich aber schnell wieder daraus zurück. Das kleine, 2025 eröffnete Berliner Joint Venture mit Judin wirkt im Vergleich dazu wie ein Modell für den Wandel: überschaubar, ortsspezifisch, halb kommerzielle Galerie, halb sozialer Raum, mit einem lauschigen Café in der Tankstelle und nun einer temporären Künstlerbar.

Friedrich Kunath wird mit seinem oft zugleich humorvollem wie traurigem, von Popzitaten durchdrungenem Werk (von Gemälden über Skulpturen bis zu Installationen) erst seit Mai 2025 von der Pace Gallery vertreten. Sein Debüt gab er im Herbst mit der Soloschau „Aimless Love“ in der New Yorker Galerie. Um seinen Bartresen gruppieren sich jetzt in Berlin vor allem Arbeiten von Künstlern anderer Galerien.

Da ist etwa die ironische Skulptur „Aber ich bin doch auf der Gästeliste“ von Elmgreen & Dragset: eine Tür, auf der „VIP“ steht, die jedoch ins Nichts führt. Oder der ikonische Barhocker im Bugholz-Design, den Alicja Kwade aber aus einem massiven Baumstamm hat herausschnitzen lassen und in eine Vitrine stellt, als sei er ein historischer Kultgegenstand. Esben Weile Kjær hat aus farbigen Glasscherben ein „Afterparty“-Mosaik zusammengesetzt, Monica Bonvicini aus einem Bronzespiegel die Bemerkung „Same Old Shit“ herausgeschnitten. Und Norbert Bisky steuert ein großes Gemälde bei, das ausgelassene junge Männer in grellen Farben zeigt: „Night Matrix“.

Im Umfeld der Bar wirken die Ausstellungsstücke wie die Requisiten eines Kunstbetriebs, der das melancholisch-eskapistische Lebensgefühl aus Françoise Sagans Roman „Bonjour tristesse“ schon immer gefeiert hat. Der Abend ist noch jung, aber die Ernüchterung steht schon bereit. Eine von Alicja Kwade gefundene Wanduhr steht auf fünf vor zwölf.

„Goodbye Sadness, Hello Sadness“, bis 23. August 2026, Pace Gallery, Berlin; die Bar hat donnerstags bis sonntags von 17 bis 22 Uhr geöffnet.