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Abgesandter einer fernen Welt

· Culture

Unter den letzten Kapellmeistern der Gegenwart war er der amerikanischste. Unter den Ernstnehmern der kurioseste. Herbert Blomstedt, der schwedischstämmige Dirigent aus Springfield/Massachusetts, verband die Steifheit eines Pult-Professors mit der pittoresken Ausstrahlung eines E. T. A. Hoffmann’schen Magnetiseurs.

Wenn man ihn mit angezogenen Schultern und gekrauster Nase, ekstatisch fingernd und gestikulierend, agieren sah, so schien er ein Abgesandter einer fernen Welt. In sich gespannt, entfesselte er Klangenergien fulminant bei Bruckner, außerdem bei den symphonischen Werken von Carl Nielsen, Jean Sibelius und Edvard Grieg. Für skandinavisches Repertoire gab es lange Jahre kaum einen Besseren als ihn.

Geboren am 11. Juli 1927 als Sohn eines schwedischen Pastors, war ihm strenge Religiösität in die Wiege gelegt. Wenn im Radio ein Wunschkonzert mit Walzern und Polkas endete, so hat Blomstedt gern erzählt, dann wurde zu Hause der Apparat abgedreht. Als Angehöriger der protestantischen Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten lehnte es Blomstedt zeitlebens ab, samstags zu proben oder gar zu konzertieren. „Never on Saturday“ war die Devise dieses nichtmissionarischen Gläubigen.

Blomstedts Eisbrecher-Ästhetik

Die Spielregeln des Klassik-Business befolgte er durchaus. Und musste kräftig Lehrgeld zahlen. Von 1975 bis 1985 hatte er als Chefdirigent der Staatskapelle Dresden zwar nicht sonderlich gut verdient – gemessen an internationalen Maßstäben. Bei einer Steuerprüfung in Schweden berechnete man ihm für die bereits in Deutschland versteuerten Bezüge indes eine so hohe Schuld, dass ihn dies in die Pleite zwang. Blomstedt focht das Urteil an. Gewann auch. Mit der Folge, dass die Gesetze in Schweden geändert wurden. Was ihn endgültig zum Steuerflüchtling machte. 1984 ließ er sich in Luzern nieder.

Blomstedt befolgte eine Art musikalischer Eisbrecher-Ästhetik. Seine kühl-explosive Klangauffassung besaß keine Neigung zur Sentimentalität. Führte aber in großformatigen Werken, so bei Strauss, Brahms und Hindemith, zu ungeahnter Spannung und Spannungsentladung. Dies war direkter Spiegel seiner inbrünstigen Seriösität und eines metaphysischen Grundvertrauens, wie es heute nur noch wenige Künstler haben.

Der statuarischen Grandezza dieses schwer einzuordnenden Mannes versicherten sich, nachdem er in Stockholm erfolgreich tätig gewesen war, in Deutschland zahlreiche Orchester. 1996 bis 1998 war er zwei Jahre lang Chef des NDR-Symphonieorchesters, bevor er als Nachfolger von Kurt Masur zum Gewandhausorchester Leipzig wechselte. Hier fungierte er seit 2005 als Ehrendirigent und konnte mit einem integralen Bruckner-Zyklus (beim Independent-Label „Querstand“) eine Summe seines Wirkens ziehen.

Obwohl er von sich sagte, vor allem in Sachsen künstlerisch heimisch geworden zu sein, verband ihn seit 2006 auch mit den Bamberger Symphonikern eine enge Verbindung als Ehrendirigent. Lange gehörte er zu den fleißigsten Altvorderen des Gewerbes. Diskographisch gesehen war seine fruchtbarste Zeit diejenige bei der San Francisco Symphony (1985 bis 1995). Hier entfachte er eine Verbindung aus Frische und Präzision, die seiner Mischung aus amerikanischer Präzision und europäischer Dezision vollkommen entsprach.

Die Rolle als Doyen unter den Weltklasse-Dirigenten akzeptierte er eher widerwillig. Man werde selber anspruchsvoller, das mache den Job nicht leicht. „Das Kunststück besteht darin“, so Blomstedt, „unzufrieden zu bleiben und doch beim Orchester für gute Stimmung zu sorgen.“ Er war stolz darauf, sich für die Mühen und Sorgen jedes Musikers zu interessieren. „Sie erzählen mir ihre Geschichte. Und zwar nicht nur hinter den Kulissen, sondern auch auf der Bühne: in der Musik.“

Ihm war klar, dass er sich von seinen Vorbildern – Furtwängler, Toscanini und Bruno Walter – durch weit größere Umgänglichkeit unterschied. Sein Geheimnis, so meinte er, bestehe darin, dass er sich während jedes Konzertes vollständig vergaß. „Das Adrenalin schaltet alles aus. Ich bin wie weggetreten.“ Herbert Blomstedt, der umgängliche Extatiker, ist im Alter von 99 Jahren in Göteborg gestorben.