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Aber Sally Rooneys Palästina-Business boomt

· Culture

Sally Rooney könnte eine Figur in einem Sally-Rooney-Roman sein: die hochgebildete, gutverdienende Schriftstellerin aus Irland, die von ihrem eigenen Privileg und Status gequält wird und nach einem Sinn in ihrem sonst bedeutungslosen, entpolitisierten Leben sucht.

Mit ihrem Anti-Israel-Aktivismus meint die echte Rooney wohl fündig geworden zu sein. Ihr Engagement inszeniert der 35-jährige Literaturstar als quasireligiösen Akt der Aufopferung, gegen das, was sie als Genozid in Gaza sieht. Eine Märtyrerin der propalästinensischen Popliteratur, die damit ganz zufällig im aufmerksamkeitsökonomischen Literaturbetrieb ihre Marke als Rebellin für die gute Sache weiter aufbauen kann.

Zwei Jahre ist ihre jüngste Veröffentlichung her, der Bestseller-Roman „Intermezzo“, millionenfach verkauft und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Das mediale Interesse ist mittlerweile abgeflaut. Doch nun sorgt Rooney mit performativer Selbstsabotage wieder einmal für internationale Schlagzeilen.

So ließ Rooneys Verlag „Faber & Faber“ am 14. Oktober mitteilen, dass sämtliche Werke von ihr aus dem Sortiment im Vereinigten Königreich genommen werden. Ihre Bücher werden dort „in keinem Format“ mehr ausgeliefert, heißt es. Denn die „derzeitige Gesetzeslage“ habe dazu geführt, dass der Verlag die dort erzielten Einnahmen an Rooney nicht weitergeben könne. Und: „Das Werk einer Autorin zu verkaufen, ohne die Erlöse an sie weitergeben zu können, ist für einen Verlag ein nicht vertretbarer Zustand.“ Mehr wolle der Verlag dazu nicht sagen.

Dabei gäbe es da noch viel zu sagen. Es ist ein merkwürdiges Statement, auch ein ziemlich irreführendes. Fast so, als hätte der britische Staat Rooney zensiert. Doch die absurde Situation, in der sich Rooney befindet, ist ausschließlich selbstverschuldet.

Konkreter wird Rooney in einem eigenen Statement, das ihre Agentin WELT zukommen lässt: Es geht um „Palestine Action“, eine militante Protestgruppe, die die britische Regierung im Juli 2025 als Terrororganisation verbieten ließ. Rooney gehört zu ihren lautesten Unterstützern, hat versprochen, sämtliche Tantiemen für ihre Werke im Vereinigten Königreich an sie zu spenden. „Ich habe mich nach Kräften bemüht, gegenüber der Öffentlichkeit ehrlich mit meinen Überzeugungen und Absichten umzugehen, und bin voll und ganz bereit, die Konsequenzen zu tragen“, teilt sie nun mit.

„Was sonst könnte unser Leben erträglich machen?“

2014 entdeckte Rooney das Thema Palästina, in Dublin. Damals war sie 23 Jahre alt, erklärte sie in einem Interview im „Guardian“. Im Nahen Osten tobte Krieg: Hamas-Mitglieder hatten drei israelische Teenager entführt und ermordet, der jüdische Staat reagierte mit Angriffen und Festnahmen, worauf die islamistische Terrororganisation mit Raketenbeschuss erwiderte – was in einen 50-tägigen Krieg in Gaza mündete.

Für die junge Rooney war klar, wer die Schuld trug. Sie ging in der irischen Hauptstadt, einer Hochburg antiisraelischer Proteste, auf die Straße gegen den jüdischen Staat. „Dieser Moment des Entsetzens und der Empörung war für mich eine prägende Erfahrung – sowohl als Mensch als auch als Schriftsteller“, sagte sie.

Rooneys Einsatz gegen Israel scheint dabei vor allem mit ihr selbst zu tun zu haben. Auf einem antiisraelischen Kongress im März dieses Jahres sagte sie über ihre Motivation: „Was sonst könnte unser Leben in so dunklen Zeiten wie diesen erträglich machen? Was sonst könnte uns angesichts solch eines Grauens einen Grund geben, weiterzumachen, die Verzweiflung abzuwehren, mit uns selbst im Reinen zu leben und für unsere Zukunft zu kämpfen, ganz gleich, welche Folgen das haben mag?“ Diejenigen, die wie sie das Privileg einer öffentlichen Plattform hätten, sollten es als „Ehre unseres Lebens“ begreifen, mit Palästina zu stehen.

Als wäre BDS eine Art Hohepriester

Wie ihr Aktivismus den Palästinensern tatsächlich hilft, ist fraglich. Er besteht vor allem darin, die als antisemitisch kritisierte Boykottbewegung BDS zu unterstützen. Rooney unterschreibt die einschlägigen Briefe, lehnt jegliche Zusammenarbeit mit israelischen Kulturinstitutionen ab.

Eine ihrer Hauptleistungen war es bisher, Literaturfestivals in Edinburgh und Hay fast in den finanziellen Ruin zu treiben, nachdem sie mit anderen Autoren zum breiten Boykott dagegen aufgerufen hatten, aufgrund eines Sponsors, einer Investment-Firma, der sie mit fadenscheinigen Beweisen Verbindungen zur „Apartheid, Besatzung und dem Genozid Israels“ sowie zu Ölkonzernen vorwarfen. Der Sponsor zog sich daraufhin zurück und hinterließ eine klaffende Finanzlücke.

Für Aufruhr sorgte Rooney 2021, als sie eine hebräische Übersetzung ihres Romans „Beautiful World, Where Are You“ (auf Deutsch als „Schöne Welt, wo bist du“ erschienen) aus moralischen Gründen verhinderte. Im selben „Guardian“-Interview, einem Gespräch mit einem BDS-Aktivisten, bedauerte sie, dass sie das bei früheren Werken nicht getan habe: Es habe damals keine klaren BDS-Richtlinien für Schriftsteller gegeben, beklagt sie, aber sie hätte die Bewegung selbst fragen sollen. Fast so, als wäre BDS eine Art Hohepriester, den man um Erlaubnis und Absolution bittet. „Intermezzo“ ist inzwischen auf Hebräisch erschienen, in einem der BDS-Bewegung koscheren Verlag – und in enger Abstimmung mit den Boykotteuren.

Dass Rooney inzwischen „Palestine Action“ finanziell unterstützt, muss man als weitere Radikalisierung verstehen. Seit 2020 ist die Gruppe in mindestens 385 kriminelle Sachbeschädigungen im Vereinigten Königreich verwickelt. Aktivisten griffen auch jüdische Geschäfte in einem orthodox geprägten Viertel an, weil sie ihnen vorwerfen, Verbindungen zu Israel zu haben und mitschuldig an einem Genozid in Gaza zu sein.

Dabei schreckt sie vor Gewalt nicht zurück: Bei einem Einbruch in einen Standort des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems UK 2024 rammten Aktivisten durch Sicherheitszäune mit einem alten Gefängnistransporter, sie waren mit Äxten und Brechstangen bewaffnet. Und sie zertrümmerten die Wirbelsäule einer Polizistin mit einem Vorschlaghammer.

„Dann sei es so“

Nachdem „Palestine Action“-Aktivisten im vergangenen Jahr in eine britische Luftwaffenbasis eingebrochen waren und zwei Militärflugzeuge beschädigt hatten, indem sie Farbe in die Triebwerke sprühten und die Maschinen mit Brechstangen bearbeiteten, lobte Rooney die Aktivisten, wieder einmal im „Guardian“: „Was sollen Menschen mit Gewissen angesichts staatlicher Unterstützung für Völkermord tun?“, schrieb sie in einem Gastbeitrag. „Echter politischer Widerstand war schon immer mit vorsätzlichen Gesetzesverstößen verbunden.“

Acht Millionen Euro betrug der Schaden. Die Aktion führte zu der Einstufung als Terrororganisation. Eine umstrittene Entscheidung der linken Labour-Regierung, die im Land heiß diskutiert und noch vor Gericht angefochten wird. Doch eine, die bis heute Bestand hat. Und das wird nun für Rooney zum Problem.

Dahinter steckt wohl Kalkül. „Auch ich unterstütze Palestine Action“, hatte sie im vergangenen August in einem Gastbeitrag in der „Irish Times“ stolz verkündet. „Wenn mich das nach britischem Recht zu einem ‚Terrorunterstützer‘ macht, dann sei es so.“ Ihre Bücher würden weiterhin in Großbritannien veröffentlicht und verkauft, zumindest vorerst, schrieb sie damals.

Nun folgt die vorhersehbare Konsequenz einer bewussten Provokation. Rooney hat sich damit selbst boykottiert, sie hat sich selbst praktisch verboten. Geschadet hat ihr das bislang nicht. Der Schritt hat zu „Panikkäufen“ ihrer Romane geführt, berichtet die „Irish Times“. In manchen Buchläden im nordirischen Belfast sollen sie nun ausverkauft sein. Auf der britischen Amazon-Seite sind ihre Romane, auch die älteren, wieder unter den Top‑500- Büchern aller Kategorien. Business boomt.