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„Christdemokraten sind unfähig, ihr Erbe zu verteidigen“

DIE ZEIT: Herr Müller, die CDU sucht nach einem Kurs, mit dem sie sich gegen die AfD behaupten und ihre Position als quasi natürliche deutsche Regierungspartei behaupten kann. Wird ihr das gelingen?

Jan-Werner Müller: Es ist ja viel von der Krise der Sozialdemokratie die Rede, doch wenn man Leute auf der Straße fragt: „Was ist eigentlich Sozialdemokratie?“ fallen denen, denke ich, immer noch ein paar Sachen ein. Aber wenn Sie heute in Deutschland, den Niederlanden oder Italien fragen würden, was eigentlich die Christdemokratie ist, dann würden Sie, vermute ich, Achselzucken erwarten. Es gibt eine gewisse Erschöpfung der Christdemokratie, was Ideen und Politikentwürfe angeht. Nicht nur in Deutschland, und nicht erst jetzt.

ZEIT: Dann helfen Sie uns: Was ist – oder was war – die Christdemokratie?

Müller: Erst einmal das weniger Offensichtliche: Die Christdemokratie ist eine politische Strategie oder, wenn Sie so wollen, Technologie, um Konflikte zu bewältigen. Und zwar durch Vermittlung und durch einen Ausgleich zwischen den Gruppen und Interessen in einer pluralistischen Gesellschaft.  

ZEIT: Das heißt, auf die Inhalte kommt es gar nicht so sehr an? Im Vorfeld des Parteitags am Wochenende hat die CDU heftige Debatten über die sogenannte Lifestyle-Teilzeit und über eine Erhöhung des Rentenalters losgebrochen.

Müller: Die Christdemokratie hat sich vor allem im 19. Jahrhundert von einem atheistischen und klassenkämpferischen Sozialismus absetzen wollen – aber sie war nie primär eine liberale Wirtschaftspartei. Sie orientierte sich am Bild des in verschiedene Gemeinschaften eingebetteten Menschen, zu dem immer auch eine spirituelle Dimension gehört. Das unterscheidet sie von einem individualistischen und vermeintlich rein materialistischen Liberalismus. Das ist heute fast vergessen, aber die Idee harmonischer Kooperation – statt Klassenkampf – stand auch in der Nachkriegszeit noch hinter dem rheinischen Kapitalismus.       

ZEIT: Wenn Sie sagen, dass die Christdemokratie für Vermittlung und Pluralismus steht, ist das auf den ersten Blick auch historisch überraschend. Denn sie war ja ursprünglich eine Art politische Interessenvertretung der Katholiken. Und der Katholizismus ist doch vieles, aber gerade nicht pluralistisch.

Müller: Ja, aber beides hängt zusammen, die Wurzeln im Katholizismus und die Technik der Vermittlung, auch wenn man das heute kaum noch weiß. Als die Christdemokratie im 19. Jahrhundert entstanden ist, war sie eine Art Abwehrbewegung gegen den erstarkenden Nationalismus. Die neuen Nationalstaaten in Italien und Deutschland haben die Rolle der katholischen Kirche infrage gestellt: Was Rom sagte, war der Verdacht, könnte für die Gläubigen über ihrer Loyalität zum Nationalstaat stehen. 

ZEIT: Wie hat also die Christdemokratie darauf reagiert?

Müller: Sie hat eingesehen, dass sie nicht mehr darauf hoffen kann, dass alle Menschen katholisch werden. Und sie hat notgedrungen akzeptiert, dass sie sich den gesellschaftlichen Raum nun mit anderen Gruppen teilen muss. Das war immer noch besser, als angegriffen oder ausgestoßen zu werden von einem Nationalstaat, der seine Homogenität durch die Katholiken bedroht sah. So wurde die Christdemokratie aus Notwehr zur Unterstützerin eines demokratischen Pluralismus – weil gerade dieser Pluralismus sie auch selbst geschützt hat. Das ist auch ein Unterschied zum Konservatismus: Konservative können einem starken Staat, der von oben durchregiert, etwas abgewinnen, Christdemokraten haben immer eine gewisse Staatsskepsis.

ZEIT: In Deutschland und Italien haben die Christdemokraten allerdings in den 1920er- und 1930er-Jahren den Faschisten und Nationalsozialisten an die Macht verholfen, die genau diesen Pluralismus beenden wollten.

Müller: Ja, und das ist kein Ruhmesblatt. Sowohl viele italienische Christdemokraten, die sich ja nach dem Ersten Weltkrieg gegründet haben, als auch viele deutsche Katholiken haben sich an die Seite der Totalitären gestellt. Sie haben schmerzhaft lernen müssen, dass ein Bündnis gegen vermeintlich gottlose Kommunisten mit rechten Extremisten in die Katastrophe führt. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es bei einigen noch das Wunschbild, dass ein autoritärer, offiziell katholischer Staat eigentlich das Beste für die Gläubigen wäre. Man vergisst oft, wie groß die Vorbehalte gegen die Demokratie in der Frühzeit der BRD noch waren. Manche haben neidisch auf das Franco-Regime in Spanien geblickt. Dass sich das änderte, lag auch an der Arbeit von Ernst-Wolfgang Böckenförde.

ZEIT: Der wahrscheinlich einflussreichste katholische Staatsrechtler der Nachkriegszeit. Warum war er so wichtig für die moderne Christdemokratie?

Müller: Böckenförde hat zum einen selbst in den Archiven recherchiert und öffentlich gemacht, welche Rolle Katholiken 1933 dabei gespielt hatten, die Naziherrschaft zu ermöglichen. Das war ein riesiger Skandal damals, das wollte erst eigentlich keiner so genau wissen. Zum anderen hat Böckenförde versucht, bei den Katholiken Überzeugungsarbeit zu leisten: Hier seht ihr, was passiert, wenn Katholiken meinen, dass ihre Interessen bei totalitären Kräften besser aufgehoben sind! Dann landet man bei Hitler, Mussolini oder Salazar. Deshalb müsst ihr euch unbedingt auf die Demokratie einlassen, auch wenn sie für euch ein Risiko ist! 

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